Mitteilungen
des Landesvereins Sächsischer Hochwasserschutz, Dresden, Band XVI, Heft 9/12 1927,
Abgeschlossen am 15. November 1927
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Anmerkung vom Erfasser Mario Ludwig (im folgenden ML genannt): ich habe mich
bemüht, das Originaldokument möglichst unverändert zu belassen. Lediglich die
neue deutsche Rechtschreibung wurde verwendet (nicht dass ich diese bereits
beherrschte, aber meine Textverarbeitung :). Wo es angezeigt schien, habe ich
eine erläuternde Anmerkung (kursiv geklammert) oder einen Hyperlink eingefügt.
Diese Vorgehensweise führte dann zu jeder Menge rot
unterstrichener Wörter, da der Wortschatz der damaligen Autoren doch
beeindruckend groß und mannigfaltig ist und den Rahmen eines heutigen Textverarbeitungsprogramms-Wörterbuches
deutlich sprengt. Ich fand das Lesen der sowohl gut recherchierten als auch
fachlich sehr sachkundigen und in ihrer Wortwahl an Deutlichkeit nichts zu
wünschen übrig lassenden Artikel jedenfalls sehr kurzweilig und unterhaltsam,
auch wenn das Thema doch eher ein trauriges und der Anlass des Schreibens ein
menschlich sehr nahegehender war und vor allem auch ist, selbst und gerade im
Jahre 2002. Und wenn Du, lieber Leser, nach beendeter Lektüre ziemlich
bedröppelt und erschreckt in deinem Lehnstuhl sitzt, weil sich offenbar in 75
Jahren nicht so fürchterlich viel getan hat, um die Sachlage zum Positiven zu
verändern, und denkst "Das ist ja
ein Ding!", dann geht es dir genauso wie mir... Fragt sich nur, was können
wir tun, um den Lesern in 75 Jahren (oder Telepathen, oder mental die
Informationen direkt aus dem weltumspannenden Infonetz sublimierenden Wesen)
nicht das gleiche Bild zu bieten?!?
Nun wünsche ich nur noch: Gute Unterhaltung beim Lesen!
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la leo.org) einfügen...
·
Denn
die Elemente hassen ...
·
Die
meteorologischen Ursachen der Hochwasserkatastrophe im östlichen Erzgebirge
·
Grundlinien
der Tektonik des Erzgebirges
·
Zur
Siedlungsgeschichte der Flussgebiete der Müglitz und der Gottleuba
·
Schutzwaldanlagen
im östlichen Erzgebirge
·
Katastrophenbekämpfung
an Mittelgebirgsflüssen
Ein
Vorwort von Kurt Arnold Findeisen.
Die politischen Schicksale eines Landes,
soweit sie sich in gewonnen oder verlorenen Schlachten, in Umwälzungen und
Revolutionen äußern, bewegen die Welt. Neben ihnen her gehen die mehr
verborgenen, aber nicht minder gewaltsamen Kriege, die ein Land mit den
überlegenen Streitmächten der Elemente auszutragen hat, den entfesselten
Gewalten der Luft und der Erde, des Feuers und des Wassers. Da erscheint es uns
denn zur Zeit, als ob nach dem fürchterlichen vierjährigen Waffenirrsal der
Weltfehde, die fast alle Völker der Erde ergriffen hatte, ein Kleinkrieg der
Elemente gegen die Menschheit ausgebrochen sei, der wohl unverhohlener und
ortgebundener, aber nicht weniger grausam und kulturvernichtend wütet.
Erdbeben zerfleischen panthergleich in
immer neuem Ansprung die japanischen Inseln; Vulkane regnen sengendes
Verderben. Taifune, denen sich der Taumel tosender Springfluten gesellt,
streichen in China Tausende von Menschenleben aus, als wären es
Termitenschwärme. Das Rasen des Atlantik hält halb Amerika, halb Europa in
Schreck und Angst; die tapferen Piloten, die ihn auf Luftwegen bezwingen
wollen, schlingt die namelose Tiefe. In den Zentralalpen zerreißt Hochwasser
Dämme und Brücken; über Lawinensturz, Steinschlag und gurgelndem Verhängnis
ringen Tirol, die Schweiz, Oberbayern verkrampfte Hände.
Und unsere engere Heimat? Ist sie
vielleicht verschont geblieben? Sie ist in entsetzlicher Weise mit hineingerissen
worden in den Totentanz der Elemente. Noch immer erschauert unser Herz, wenn
wir der Nacht vom 8. zum 9. Juli 1927 gedenken, in der eine
Hochwasserkatastrophe, die in ihren Auswirkungen ihresgleichen sucht, über das
Osterzgebirge hereinbrach. Die anmutig kurzen Täler der Gottleuba, Seidewitz
und Müglitz erkor sie sich zum grausigen Schauplatz. Mit den Siedlungen dieser
Gründe spielte sie heimtückisch, als wären sie Spreu und Tand. Im Seidewitztal
wurden besonders die Orte Liebstadt, Nenntmannsdorf, Zehista vom Unheil
betroffen, im Müglitztal Kratzhammer, Fürstenwalde, Lauenstein, Bärenstein,
Bärenhecke, Glashütte, Dittersdorf, Mühlbach-Häselich, Schlottwitz,
Weesenstein, Dohna, Heidenau, im Gottleubatal Schönwald, Oelsengrund,
Gottleuba,
Berggießhübel, Zwiesel, Langenhennersdorf,
Neundorf, Rottwerndorf und Pirna. Dabei zählt die schwarzumränderte Liste der
Heimsuchung noch manche der stillen Mühlen und einsamen Gehöfte gar nicht auf,
denen die notwendige Lage an Bach und Fluss zum Verhängnis ward.
In diesem Heft wurde, vom kundigen und
teilnahmsvollen Photographen des Heimatschutzes aufgenommen, eine Bilderschau
des Unglücks zusammengestellt, die in ihrer Unerbittlichkeit aufgefasst werden
möchte als Urkunde des Unheils, als Forschungsmittel, es zu ergründen und zu
überwinden, als Fürsprache für die Beraubten und körperlich wie geistig schwer
Geschädigten, als wehmütiges Denkmal für spätere Geschlechter, die ein gütiges
Geschick vor Ähnlichem bewahren möge. Einen erschütternderen Bilderbogen werden
wenige kennen: von unten bis oben aufgeschlitzte Häuser, zerschmetterte
Arbeitsstätten, geborstene Brücken, vernichtete Straßen, Felder und Gärten, in
seiner Ohnmacht und Unzulänglichkeit mitleidlos gebrandmarktes und geschändetes
Menschenwerk. Ein ganzer Eisenbahnzug wie verworfenes Spielzeug im Flussbett,
Bahnkörper, hilflos in der Luft hängend wie Schlinggewächse, Saatgrund,
Weidetrift, nahrhafte Ahnenscholle, grauenhaft durchätzt, verschlammt und
felsüberbrockt, Stätten, da Haus und Hof gestanden, nichts als verworrenes
Trümmerfeld wie ein irrsinniges Kreuzworträtsel. Lösung: denn die Elementen
hassen das Gebild' der Menschenhand! Und darunter, vielleicht noch gar nicht
herausgescharrt, und darüber, geisterblass schwebend, die Schatten der
Todesopfer, die Schatten jener Tiere und Menschen, die der Anprall der
gurgelnden Fluten verhängnisvoll überraschte. Mehr als anderthalb Hundert
Menschenopfer werden gezählt; welche entsetzlich hohe Zahl. In Berggießhübel
ist jeder 13. Einwohner ausgestrichen worden aus der Liste der Lebenden. In
allen Orten trauern verstörte Leute, über mühsam gerettet Reste zerstoßenen
Hausrates gebeugt, die mindestens eine liebe Seele verloren. Das Element aber
kichert heute wieder gleichgültig, als wäre nichts geschehen, im zerwühlten
Bett hin, zumeist ein lächerlich dünner Wasserfaden, von dem nur schwer zu
glauben ist, dass ihn der Vernichtungswille einer dunklen Stunde zum
blindwütenden Werkzeug zu machen vermochte.
Und wie wurde die Heimsuchung möglich? Der
Mensch, der am Rande der Verheerungen steht, rätselt an dem furchtbaren
Geschehen herum und sucht kümmerlichen Trost darin, dass er die scheinbaren
Ursachen bloßlegt. Da ergibt sich denn, dass am Abend des 8.Juli eine
unheilvolle Vielzahl von Wolkenbrüchen im Kammgebiet des Osterzgebirges
zwischen Sattelberg, Mückentürmchen und Geising niederging und dass die
spärlich bewaldeten, fast nackten Höhen den Wassermassen nicht den geringsten
Widerstand entgegenzusetzen imstande waren. Die Fluten wälzten sich hemmungslos
die Hänge herab, stauten sich kochend und brausend an den Talengen, an
Teichdämmen, Brücken, Häusern, brachen die Hindernisse nieder, alles, was in
ihren Wirbel geriet, zu Handlangern umso sicherer Vernichtung vergewaltigend,
und das Unausdenkbare geschah: innerhalb einer halben Stunde war das Glück
mehrerer Generationen illusorisch gemacht, innerhalb weniger Minuten war die
Kulturentwicklung einer ganzen Landschaft zurückgeschraubt um Jahrzehnte.
Selbstverständlich fragt sich nun der
Mensch, ob es nicht doch in seiner Macht gestanden hätte, die Gewalt der
Elemente zu steuern, zum mindesten, den Fluch des Verhängnisses abzuschwächen.
Solche Erwägungen haben nur praktischen Wert, wenn sie sich in den Dienst der
Zukunft stellen. Heute, nachdem wir den Ärmsten der Armen unser Mitgefühl,
unsere Hilfsgelder und Liebesgaben darreichten, gilt es nichts anderes als
alles daranzusetzen, eine Wiederholung solchen Unglücks in diesem und anderen
Gebieten unseres Vaterlandes mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu
verhüten.
Auch dieses Heft will das seine dazu
beitragen. Und wie der Heimatschutz immer die praktische Bestätigung über die
theoretische gestellt hat, wünscht er auch hier, dass aus der Fülle der
sachkundigen Aufsätze, die die Materie von allen Seiten beleuchten, das
notwendige Hilfswerk klar und eindeutig und eilig herauswachse zum Heil unseres
Landes und seiner Bewohner. Dass er dabei den Standpunkt vertritt, es möchten
sich Mittel und Wege finden, der Heimat zu helfen, ohne ihren landschaftlichen
Charakter allzu sehr zu beeinträchtigen und ihre wirtschaftliche Lage auf allzu
lange Zeit hinaus zu beschweren, ist natürlich. Setzen wir dem Drohen der
Elemente den elementaren Willen zu schleuniger aber im höchsten Sinne
zweckmäßiger Abwehr entgegen!
Die meteorologischen Ursachen der
Hochwasserkatastrophe im östlichen Erzgebirge
Von
Prof. Dr. L. Weickmann, Leipzig.
Unsere Erdatmosphäre ist eine
Wärmemaschine von außerordentlicher Genauigkeit und Empfindlichkeit, die bei
den geringsten Schwankungen der ihr zugeführten Brennstoffmenge sofort ihre
Leistung verändert. Sie ist aber zugleich auch eine Maschine von äußerst
kompliziertem Bau mit verschiedenen, weit auseinanderliegenden Heizkesseln und
Kondensatoren, mit einem verwickelten Röhrensystem, zahlreichen
Absperrschiebern und Ventilen, so dass es sehr schwierig ist, einen Überblick
über ihre Arbeitsweise zu bekommen. Wer immer nur einen einzelnen Punkt der
Maschine einen Ort der Erdoberfläche im Auge behält, der wird im
allgemeinen nicht klug werden aus dem, was er beobachtet und er wird geneigt
sein, überhaupt nicht an die gesetzmäßige und geregelte Funktion einer Maschine
zu glauben, sondern er wird überall nur Willkür, Zufall und Laune erblicken. In
der Tat haben ja manche von diesen Beobachtern jeden Gedanken an
Gesetzmäßigkeit der Vorgänge in der Atmosphäre bestritten und zur Erklärung
z.B. großer Hagelfälle angenommen, dass die Erdatmosphäre dem
unkontrollierbarem Bombardement kosmischer Eismassen ausgesetzt sei. Wer aber
bestrebt ist, bei der Untersuchung meteorologischer Vorgänge möglichst
ausgedehnte Gebiete der Erde gleichzeitig zu behandeln, dem offenbaren sich die
Zusammenhänge der scheinbar so willkürlichen Vorgänge nach Raum und Zeit und er
spürt den Arbeitsgang und den Takt dieser Maschine samt ihren Störungen.
Die Brennstoffmenge ist die der Erde zugestrahlte Sonnenwärme. Ob die von der Sonne ausgehende Menge im Laufe der Zeit nennenswerte Änderungen zeigt, ist eine Frage, die äußerst schwer zu beantworten ist. Denn wir können die Strahlung, die zu unseren Messinstrumenten gelangt, immer erst bestimmen, nachdem sie die Erdatmosphäre durchlaufen hat. Wir leben ja am Grunde des Luftmeeres und haben keine Möglichkeit, festzustellen, was sich an der oberen Grenze der Atmosphäre, sofern es eine solche gibt, abspielt. In der Tat zeigen nun unsere Apparate für die Messung der Sonnenstrahlung eine Schwankung der Strahlungsintensität. Ob diese aber schon auf der Sonne ihren Sitz hat oder erst unsere Erdatmosphäre durch veränderliche Durchlässigkeit die Schwankungen der Strahlungswerte verursacht, das können wir vorerst nicht entscheiden. Jedenfalls aber bleibt die Tatsache bestehen, dass die auf Meeren und Kontinenten auffallende solare Strahlung wechselt. Sie wechselt im Laufe eines Jahres schon wegen des Umlaufs der Erde um die Sonne und der Neigung der Erdbahnebene gegen die Äquatorebene. Dadurch ändert sich für unsere atmosphärische Maschine die den einzelnen Heizkesseln zugeführte Wärme in jährlichem Rhythmus. Die Heizflächen verwerten zudem diese Wärme in ganz verschiedener Weise. Die Meere verschlucken infolge der beständigen Bewegung ihrer Oberfläche viel mehr Wärme als das Festland, das den größten Teil der Wärme an die Luft abgibt und selbst nur sehr wenig aufnimmt. Diese Aufspeicherung von Wärme durch die Meere bewirkt dann, dass im Winter, wenn nur sehr wenig Wärme zugestrahlt wird, die Ozeane von ihrem Vorrate abgeben können; sie werden dann wärmer als das Land und spielen im Winter die Rolle der Heizfläche.
Durch diesen Vorgang des jahreszeitlichen Wechsels zwischen Land und Meer wird ein wichtiger Zweig unserer Maschine gespeist, die sogenannte maritim-kontinentale Zirkulation, die darin besteht, dass im Sommer kältere Luftmassen vom Meere auf die erhitzten Landflächen strömen, im Winter dagegen die erkalteten Luftmassen der Kontinente nach den wärmeren Meeren abfließen. Man nennt diese Winde die Monsune und sie sind natürlich am stärksten entwickelt, wo diese Heizwirkung am meisten zur Geltung kommt, also ganz besonders auf dem Europäisch-Asiatischen Riesenkontinent der Nordhemisphäre. Auch Mitteleuropa hat Teil an diesem Monsun und die berüchtigten "verregneten Sommer" Mitteleuropas sind nichts anderes als der Ausdruck dieser maritim-kontinentalen Luftzirkulation, die mit den Nordwestwinden der "Eisheiligen" und der "Schafskälte" bzw. mit den Ostwinden des "Altweibersommers" einsetzt. Sobald die Luftmassen über dem Festlande zu warm werden, brechen zum Ausgleich des gestörten Gleichgewichts kalte Luftmassen mit Nordwestwinden vom Atlantischen Ozean ins Innere des Kontinents ein und bringen Regen und Abkühlung. Diese Regenfälle treten besonders in solchen Gebieten auf, wo sich der Einströmung der vom Meere kommenden Luftmassen Hindernisse in den Weg stellen, Gebirgszüge. Die kalte Luft staut sich an solchen Hindernissen, sie bleibt liegen und bildet einen Kaltluftkeil, an dem dann die nachfolgenden Luftmassen aufsteigen und so das Hindernis überwinden. Beim Ansteigen aber kommen sie in Höhen mit geringerer Temperatur, für die ihre Feuchtigkeit zu groß ist; sie wird zuerst in Wolken sichtbar und fällt schließlich in ergiebigen Regenfällen aus. Das ist der Grund, weshalb im Erzgebirge, das mit seiner Streichrichtung von Südwest nach Nordost sich den aus Nordwest kommenden Luftmassen gerade senkrecht entgegenstellt, der Niederschlag auch in normalen Zeiten mit der Höhe des Ortes außerordentlich ansteigt und im Juli z.B. durchschnittlich 250 bis 350 Liter auf den Quadratmeter erreicht. Im allgemeinen fallen diese Niederschläge im Laufe längerer anhaltender Regen, wobei der Abfluss in normaler Weise vor sich gehen kann.
Wir sehen aber, dass hier bereits eine gefährliche Stelle unserer atmosphärischen Maschine vorliegt, und dass es bei größerer Geschwindigkeit der Zirkulation sehr leicht zu bedenklicher Übersteigerung der Leistung kommen kann. Und nun müssen wir jene anderen Schwankungen in der Zuführung der Brennstoffmenge betrachten, die nicht einem jährlichen Rhythmus gehorchen, sondern einem anderen Takte. Auch die Sonnenatmosphäre ist nämlich eine Wärmemaschine, deren Wirkungsweise wir allerdings nur ganz unvollständig kennen. Aber wir wissen so viel, dass auch die Bewegung der Sonnenatmosphäre gewisse Regeln zeigt, die wir aus dem Verhalten der Sonnenflecken beurteilen können.
Wahrscheinlich sind die Sonnenflecken selbst große Wirbel in der Sonnenatmosphäre, so wie unsere Zyklone und Antizyklone im irdischen Luftmeere. Aber wie dem auch sei, und wie auch immer der Mechanismus beschaffen sei, durch den die Sonnenflecken auf unsere Erde wirken können, es ist Tatsache, dass der Ablauf der irdischen Witterungserscheinungen den gleichen Rhythmus zeigt, wie die Sonnenflecken, einen etwa elfjährigen Takt. Durchschnittlich aller elf Jahre zeigen die Sonnenflecken ein Maximum ihrer Häufigkeit:
Sonnenfleckenhäufigkeit 1901 bis 1926.
|
|
0 |
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
|
1900 |
|
3.4 |
5.7 |
23.0 |
44.1 |
58.7 |
60.3 |
56.0 |
51.2 |
40.6 |
|
1910 |
21.0 |
6.5 |
3.4 |
2.2 |
11.8 |
46.4 |
55.4 |
98.8 |
77.6 |
63.1 |
|
1920 |
38.7 |
24.7 |
14.7 |
5.5 |
16.7 |
44.6 |
62.7 |
|
|
|
Das letzte Maximum war, wie die Tabelle zeigt, 1917, frühere Maxima fielen in die Jahre 1906, 1894, 1884, 1871, 1860, 1848, 1837, 1830. Minima lagen bei 1834, 1844, 1856, 1867, 1879, 1890, 1901, 1913, 1923.
Es ist nun außerordentlich interessant, zu verfolgen, wie in der Nähe der Jahre mit hohen Häufigkeitszahlen der Sonnenflecken, d.h. starker Fleckentätigkeit der Sonne der Arbeitsgang der atmosphärischen Maschine lebhafter erscheint; die Anzahl der Stürme z.B. verläuft durchaus parallel zu der Anzahl der Sonnenflecken, ja die gesamte Natur wird beherrscht von diesem Gesetze. Man hat das Dickenwachstum der Bäume nach der Breite der Jahresringe gemessen und gefunden, dass in Jahren hoher Sonnenaktivität dieses Dickenwachstum beträchtlich größer ist als in den Jahren der Sonnenfleckenminima. In der Nähe der Minima herrschen trockene Jahre vor, starke Niederschläge fallen zur Zeit der Maxima.
Im gegenwärtigen Jahre liegen bisher folgende Häufigkeitszahlen der Sonnenflecken vor:
|
|
Januar |
Februar |
März |
April |
Mai |
Juni |
Juli |
August |
Sept. |
|
1927 |
79.1 |
93.1 |
68.4 |
93.1 |
79.3 |
60.5 |
55.4 |
52.8 |
67.5 |

also Werte, die bereits sehr nahe ein Maximum andeuten.
Damit finden wir den Übergang zu all den zahlreichen Wetterkatastrophen, die in der letzten Zeit die Menschheit beunruhigen und auch zu jener schweren Hochwasserverwüstung, der dieses Heft gewidmet ist. Der Einbruch der polaren aus dem Norden des atlantischen Ozeans stammenden Luftmassen erfolgt in den Jahren intensiver Sonnenfleckentätigkeit mit größerer Wucht als in den Jahren mittlerer Aktivität oder gar in den Jahren minimaler Sonnenflecken, in denen die Anzahl solcher Sturmstörungen viel geringer ist.
Wir erleben also in den gegenwärtigen Schrecken die Auswirkung von Gesetzen, denen sich der Mensch im allgemeinen nur beugen und unterwerfen kann. Bereits im Sommer des letzten Jahres zeigte sich das Herannahen jener verhängnisvollen Epoche, in der die atmosphärische thermodynamische Maschine in unseren Breiten und in dem kontinental-maritimen Zweige, der Mitteleuropa bestreicht, einer maximalen Belastung ausgesetzt ist, und es ist anzunehmen, dass auch im nächsten Jahre 1928 die Wirkung der Maximalphase der Sonnenflecken noch nicht gänzlich überwunden sein wird. Am 1. Juni 1926 brachen kalte, polare Luftmassen mit nordwestlichen Winden in die erhitzte Fläche des Kontinents ein und es kam im Grenzgebiete zwischen Warm und Kalt zu heftigen Gewittern und gewaltigen Regengüssen, die das Elbe- und Odergebiet in ein riesiges Überschwemmungsfeld verwandelten.
Die Wetterkarte des 1. Juni 1906 zeigt, wie die Linien gleicher Temperatur von 15°, 17.5°, 20° eng zusammengedrängt dem Ansturm der kälteren Ozeanluft von 12.5° begegnen. Verstärkt waren diese Gegensätze noch durch den Umstand, dass einige Tage zuvor warme Luftmassen aus dem Mittelmeergebiet, mit Südostwinden nach Westrussland und bis weit hinauf nach Finnland und Lappland geschafft worden waren, wodurch die Monsunzirkulation eine gewaltige Intensität annehmen musste.
Und das Gleiche war der Fall bei der Unwetterkatastrophe vom Abend des 8. Juli 1827. Auch hier prallten kalte polare Luftmassen auf warme sciroccoähnliche Luft von mehr als 20° Temperatur und es kam in kurzer Zeit unter heftigen Gewittern zur Abladung der Feuchtigkeit in solchen Mengen, dass die Aufnahmefähigkeit der Flussgerinne weit überschritten wurde. Das dem Ansturm der Luftmassen sich quer in den Weg legende Erzgebirge musste zu einer beschleunigten Aufwärtsbewegung der Luft führen und damit zur Entladung der Wassermengen fast an ein und derselben Stelle. Dabei macht sich auch noch eine gewisse Trichterwirkung des Elbtals bemerkbar, die zu einer besonders intensiven Aufstauung der Luftmassen im Bereiche der angrenzenden Höhen führen muss.
TODO ML: "Wetterkarte vom 1. Juni 1926" einscannen und
einbinden.
TODO ML: "Wetterkarte vom 8. Juli 1927" einscannen und
einbinden.
Man könnte nun aus unseren bisherigen
Betrachtungen den Schluss ziehen, dass unweigerlich alle zehn bis elf Jahre
sich derartige Katastrophen wiederholen müssten. In der Tat kann man wohl
behaupten, dass die Tendenz zur Ausbildung übermäßiger Beanspruchungen der
atmosphärischen Zirkulation zur Zeit der Sonnenfleckenmaxima in der Regel
vorhanden ist. Aber die Periode von elf Jahren ist wiederum nicht die
einzige, die hie maßgebend ist. Das kann schon unserer kurzen Tabelle
entnommen werden, die von 1901 bis 1926 den Ablauf der Sonnenflecken angibt.
Die Intensität der Sonnenflecken war z.B. 1906 bei weitem nicht so groß wie 1917.
Es stecken noch andere Perioden in diesen Dingen, wir kennen Rhythmen von 23
bis 35 Jahren von 16 Jahren, deren Zusammenwirken das Bild wesentlich
kompliziert. Hier sind wir aber an die Grenzen der für eine populäre
Darstellung geeigneten bisherigen Ergebnisse der Forschung gelangt. Darüber
hinaus reicht das Gebiet der gerade gegenwärtig besonders intensiv betriebenen
Arbeit der Gelehrten. Es ist kein Zweifel, dass wir im Laufe der Zeit zu einer
viel weitergehenden Beherrschung dieser Fragen gelangen werden, zu einem
tieferen Einblick in die Gesetzmäßigkeiten, den Arbeitsgang und Arbeitsrhythmus
der atmosphärischen Wärmemaschine. Das Zufällige wird auf einen immer kleineren
Bereich zusammenschrumpfen und gute wie böse Wirkungen der Natur werden und erscheinen
unter dem Gesichtswinkel des Naturgesetzes sapienti
sat.
Grundlinien der Tektonik des Erzgebirges
Von
Oberstudienrat Prof. Dr. Paul Wagner, Dresden.
Was versteht die Wissenschaft unter
"Tektonik"? Die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes tektonike
bedeutet "Kunst des
Zimmermanns". Mit dieser Worterklärung kommen wir aber dem tieferen
geologischen Sinn nicht viel näher; wir müssen schon ein wenig in
erdgeschichtliche Fragen eindringen; auf dem Grunde eines Meeres lagern sich
Schichten von Schlamm, Sand, Kalk ab und werden unter starkem Druck schließlich
zu Schichtgesteinen verfestigt. Auf verschiedene Weise kann der ehemalige
Meeresboden freigelegt werden, so dass er nun Landoberfläche bildet. Zahlreiche
versteinerte Meerestiere in den Gesteinsschichten unserer Gebirge beweisen,
dass hier einst Meer war. Die Ablagerung auf dem einförmigen Meeresboden
bedingt, dass die Sedimente im wesentlichen waagerechte Schichtung aufweisen,
und man müsste erwarten, dass diese ebene (in der Bergmannssprache
"schwebende" oder "söhlige") Lagerung auch in den landfest
gewordenen Sedimentgesteinen zu finden sei. Das ist aber nur selten der Fall
(z.B. teilweise im Elbsandsteingebirge). Meist stehen die Schichten mehr oder
weniger schräg, bisweilen "auf dem Kopfe" oder gar soweit
"überkippt", dass die älteren Lagen oben sind. Wir beobachten ferner,
dass sie hier stark verbogen, dort von Spalten durchzogen sind, plötzlich
abbrechen und in ganz andrer Höhe wieder auftauchen. Kurz die ursprüngliche
Lagerung ist völlig gestört. Die Kräfte, die solche Störungen zuwege gebracht
haben, äußern sich meist als starker Seitendruck innerhalb der Erdkruste, und
die meisten Forscher sind geneigt, den Druck mit der Schrumpfung der Erdrinde
als Folge ihrer Abkühlung in Zusammenhang zu bringen. Ohne auf die Frage der
ersten Ursache einzugehen, bezeichnet der Geologe diese Kräfte als "tektonische
Kräfte", und das, was sie geschaffen haben, nämlich den stark
gestörten, überaus mannigfaltigen Gerüstbau unsrer Erdrinde als die "Tektonik"
der betreffenden Landschaft. Wenn die Gesteinsmassen durch Spalten in
"Schollen" zerlegt werden, die sich aneinander wenn auch nur in
geringem Ausmaß verschieben, so treten dabei oft merkliche Erschütterungen
auf, die man "tektonische Erdbeben" nennt.
Nach dieser allgemeinen Einführung können
wir zur Beantwortung der Frage schreiten: Welche Ereignisse der
Erdgeschichte haben den heutigen tektonischen Aufbau des Erzgebirges
verursacht? Im "Altertum" der Erde war Mitteldeutschland
großenteils von einem seichten Meere bedeckt. Zur "Steinkohlenzeit"
stieg der Meeresboden empor, und unter gewaltigem Seitendruck türmten sich die
Schichten zu einem vielleicht alpinen Faltengebirge auf. Noch vor wenigen
Jahrzehnten haben wir uns diese Auffaltung innerhalb Sachsens verhältnismäßig
einfach vorgestellt; wir nahmen drei große "Sättel" an: 1.
Erzgebirge, 2. Mittelgebirge, 3. nordsächsischer Sattel. Dazwischen zwei
Mulden: 1. ZwickauChemnitzFlöhaer Mulde mit einer Nebenmulde bei
PotschappelPöhlen, 2. nordsächsische Mulde. Heute wissen wir, dass die
Gebirgsauffaltung weit gewalttätiger und komplizierter vor sich ging. Die alten
Meeresschichten sind ganz unglaublich verbogen; aus der Tiefe aufsteigende Schmelzmassen
haben sich dazwischen gedrängt, sind mit den echten, ebenfalls erweichten
Schichtgesteinen durcheinandergeknetet, gleitend fortbewegt und ausgewalzt
worden. Am Ostrande des heutigen Erzgebirges hat ein starker von Nordosten her
kommender Druck bewirkt, dass die in Schollen zerlegte Erdkruste sich wie
Schuppen übereinander schob und sich stellenweise mächtig aufbäumte. So
entstand dort zwischen Gottleuba und Dohna ein kleines Sondergebirge, das "Elbtalschiefergebiet".
Das Empordringen gewaltiger Schmelzmassen, die als Granite oder Porphyre
erstarrten, schloss diese revolutionäre Zeit ab.
In der Folgezeit wurde das Gebirge durch
Verwitterung zerstört, abgetragen, und der Schutt diente zum Auffüllen der
nördlich anstoßenden Mulde. Schließlich war vom alten Gebirge nur noch ein
Sockel übrig, und das Meer überflutete erneut große Teile des
"Gebirgsrumpfes". Die Sandsteinschichten bei Freiberg, Tharandt,
Höckendorf und anderen Orten beweisen die Meeresbedeckung von Teilen des alten
Erzgebirges zur "Kreidezeit".
Mit Beginn der "Neuzeit", im
Tertiär, setzten neue Revolutionen ein. Wieder wurde die Erdkruste starken
Seitenpressungen ausgesetzt, wieder fingen die Schichten an, sich sanft
aufzuwölben. Aber sie erwiesen sich diesmal als zu spröde; sie zersprangen in
Schollen, und an den langausgedehnten Klüften verschoben sich die Rindenteile.
Das sächsische Erzgebirge wurde schräg nordwärts geneigt; im Süden brach es
stufenförmig ab, und es entstand die "Grabensenke", in der heute die
Eger und die böhmische Biela fließen. Das Karlsbader Gebirge entspricht wieder
einer aufgerichteten Scholle. Seit jener Zeit haben die Flüsse, dem sanft
geneigten Nordhange des Erzgebirges folgend, ihre nach Nordwesten gerichteten
Täler eingegraben. Aber die Flusstäler des östlichen Erzgebirges Weißeritz,
Müglitz vor allem zeigen im Mittellauf einen merkwürdigen Knick, eine
Ablenkung gegen die Elblinie hin, und beweisen dadurch, dass die Schrägstellung
der Erzgebirgsscholle in noch späterer Zeit einen Abfall nach Nordosten verursacht
haben muss. Wieder waren die Krustenbewegungen begleitet von vulkanischen
Ergüssen, die diesmal als basaltische Massen erstarrten, z.B. Geising,
Sattelberg, Wilisch.
Mit den großen Umwälzungen der Tertiärzeit
war das tektonische Bild des Erzgebirges, wie es uns heute entgegentritt, im
wesentlichen vollendet. Die nun folgende Eiszeit mit ihren Schnee- und
Gletschermassen konnte daran nicht mehr viel ändern.
Welche Folgen haben alle die tektonischen
Störungen für unser heutiges Landschaftsbild? Wäre ein weites Gebiet aus völlig eben gelagerten
Schichtgesteinen zusammengesetzt, so würde auch die Verwitterungsarbeit überall
im gleichen Zeitmaß fortschreiten, und durch Abtragung des Schuttes käme immer
wieder eine einförmige Ebene zustande. Anders im gestörten Schichtenbau. Hier
liegen ganz unvermittelt die verschiedensten Gesteine nebeneinander an
der Erdoberfläche und setzen den Verwitterungseinflüssen sehr verschiedenen
Widerstand entgegen. Schwer verwitterbare Massen ragen allmählich als "Härtlinge"
empor; in leicht zerstörbaren bilden sich Eintiefungen das ganze Relief
wird bewegt und spiegelt nun durch Höhenunterschiede die tektonischen Linien
wider. Die Flüsse finden ebenfalls in den einzelnen Gesteinsstreifen
wechselnden Widerstand und schaffen durch ihre Sägearbeit hier steilwandige
Engtäler, dort Weitungen. Das erwähnte Elbtalschiefergebirge zeigt diesen
Wechsel im Talcharakter ausgezeichnet, z.B. Seidewitz, Bahre. Aber auch
Zschopau und Flöha haben ganz verschiedene Talformen in den Gneis- und Schiefergebieten
des Erzgebirges, den schutterfüllten Mulden und dann wieder beim Eintritt in
das Granulitgebirge.
Eine weitere höchst bedeutsame Folge der
Tektonik ist die Grundwasserführung und Quellbildung eines
Gebietes. Schichtgesteine sind entweder wasserdurchlässig oder
wasseraufhaltend. In porösen Schichten sammelt sich das Oberflächenwasser als Grundwasser.
Hätten wir überall ungestörten Schichtenbau, so wäre auch der
Grundwasserhorizont in stets gleichbleibender Tiefe. Das Wasser würde die
Erdoberfläche nur erreichen, wo etwa ein Fluss sich bis in die wasserführende
Schicht einschnitte oder wo der Mensch es künstlich emporpumpte.
Schichtenstörungen schaffen die mannigfaltigsten Grundwasserverhältnisse. Auf
geneigter Unterlage entstehen Strömungen; in Faltenmulden sammelt sich das
Wasser; von Faltensätteln fließt es weg; an Spalten kann es aufsteigen usw. Was
diese Verhältnisse für die Trinkwasserversorgung einer Großstadt zu bedeuten
haben, liegt auf der Hand. Und da die Anlage von Siedlungen oft an die Lage von
Quellen geknüpft ist, ergibt sich eine weitere innige Beziehung zwischen
Tektonik und Kulturlandschaft.
Wie die Grundwasserschichten sind auch die
Kohlenflöze des erzgebirgischen Beckens von Störungslinien stark
beeinflusst. Die im allgemeinen flach muldenförmigen Kohlenlager sind
zerbrochen und längs der Bruchlinien in ganz verschiedenes Niveau geraten. Der
Abbau muss sich danach richten und wird selbstverständlich durch den Zwang,
immer wieder andere Niveaus aufzusuchen, wesentlich verteuert. Im Erzbergbau
spielen Flöze eine geringe Rolle. In unseren erzgebirgischen
Silberbergbaurevieren treten die Erze als Kluftausfüllungen auf. Aber diese
Klüfte sind wiederum tektonisch bedingte Zerreißungslinien.
Wir können auf alle diese Dinge hier nicht
näher eingehen. Denn im Zusammenhange unseres Heftes kam es wesentlich auf das
Problem an: Hat die Tektonik des Erzgebirges irgendwie ursächliche
Beziehungen zu den verheerenden Wirkungen der letzten Hochwasserkatastrophe
oder zur Frage der Hochwasserschutzbauten? Man könnte recht wohl einen
Zusammenhang zwischen Gebirgsbau und Hochwasserwirkungen konstruieren,
wenn man bedenkt, dass die Laufrichtung der Flüsse, der Wechsel enger und
weiter Talstrecken, das Auftreten von Felsbarren im Flussbett, von felsigen
Vorsprüngen im Gehänge mittelbar Folgeerscheinungen tektonischer Vorgänge sind,
die wir oben andeuteten. Und es ist nur eine Fortsetzung dieser Schlusskette,
wenn wir darauf hinweisen, wie stark der Abfluss eines Hochwassers durch solche
Naturbedingungen im Zeitmaß, wie in der Größe der zerstörenden Wirkungen
beeinflusst wird. Wer heute die Katastrophengebiete durchwandert, sieht diese
verschiedenartige Wirkung noch immer auf Schritt und Tritt: hier Aufstau und
damit Aufsammeln der Zerstörungskraft in drangvoller Enge, dort Verteilen und
rascher Abfluss des Wassers; hier Transport von riesenhaften Felsblöcken (z.B.
bei Zwiesel), dort Breitschütten von Geröllen und Sand. Der Mensch wird dieses
Wechsels nie Herr werden; er wird nie die jugendlich wilden Gebirgsflüsse in
geradlinige, schön auszementierte Ablaufrinnen umwandeln können es wäre auch
jammerschade um all die Naturschönheit, die er dabei vernichten müsste!
Viel näher liegt der zweite Teil der
Frage: ob die jetzt viel besprochenen und geplanten Talsperrenbauten die
tektonischen Verhältnisse berücksichtigen müssen und ob ihre Sicherheit durch
sie gefährdet werden könnte. Der Wasserbauingenieur wird bei der Wahl des Ortes
für eine Stauanlage zunächst klimatologische Untersuchungen heranziehen: er
muss überlegen, an welcher Stelle er ein möglichst großes Niederschlagsgebiet
in einer Abflussrinne mit möglichst kleinem Querschnitt abfangen kann. Er wird
die Regenmengen in den einzelnen Flussabschnitten feststellen und Stauanlagen
in erster Linie flussabwärts von den Hauptniederschlagsgebieten errichten. Dann
wird er aber auch die Geländeformen genau studieren, das Wasser möglichst nicht
in flach ansteigenden Becken stauen, wo bei jedem Senken des Wasserstandes
große schlammige Flächen freigelegt werden. Vor allem aber wird er dafür
sorgen, dass die Staumauer in gesundes Gestein eingreift. Und hier setzen wie
Pressenotizen zeigen vor allem die Besorgnisse ein, ob ein tektonisch so
gestörtes Gebiet wie unser Erzgebirge überhaupt für Talsperrenbauten sich
eigne. Da ist zunächst die Angst vor tektonischen Erdbeben. Darüber ist
kein Zweifel, das zwischen dem Verlauf größerer Störungslinien und der Lage der
Haupterschütterungsgebiete ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Der Geologe
ist in dieser Frage so sicher, das er bisweilen geradezu aus dem Auftreten
eines linearen Bebens auf das Vorhandensein von Störungslinien schließt, wenn
er diese auch in den oberen Krustenteilen noch nicht nachzuweisen vermochte.
Wir besitzen seit einigen Jahrzehnten genaue Aufzeichnungen und Karten über die
Ausbreitung der sächsischen Erdbeben. Am meisten betroffen ist das Vogtland
zwischen Plauen und Eger mit dem
Mittelpunkt in der Gegend von Klingenthal. Kein Wunder ist doch das Vogtland
von Klüften in zwei Richtungen derart durchzogen, dass das ganze Gebiet aus
schachbrettartig angeordneten Schollen zusammengesetzt erscheint. Ob längs
dieser Risse Schollenbewegungen auftreten, die Erdbeben verursachen,
oder ob solche Beben als Folgeerscheinungen von Bodenbewegungen zu betrachten
sind, ist eine neuerdings viel erörterte Streitfrage. Uns interessiert aber
mehr die feststehende Tatsache, dass Bodenbewegungen in diesem Störungsgebiet
leicht auftreten können. Und wenn sie in ihrem Ausmaß auch gering sind,
ist doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass eine Sperrmauer durch die
Spannungserscheinungen Sprünge bekommt und dass diese allmählich sich bis zu
einer katastrophalen Zerstörung der Mauer erweitern könnten. Ein zweites
Erschütterungsgebiet liegt zwischen Crimmitschau und Greiz. Ein drittes folgt
etwa der Elbrichtung von Dresden nach Zittau. Es ist dies ein uraltes
Störungsgebiet, in dem Schollenbewegungen von der Steinkohlenzeit bis in die
Eiszeit immer wieder aufgelebt sind. Das größte jüngere Erdbeben in diesem
Gebiet (10. Januar 1901) reichte mit der Zone stärkster Wirkungen bis an die
Linie DohnaLangenhennersdorfTetschen, also in das Katastrophengelände.
Messbare Krustenverschiebungen sind dabei allerdings nicht festgestellt worden,
leichtes Schwanken der Möbel aber bis nach Altenberg und Böhmisch-Zinnwald.
Gefährdet ist ferner der böhmische Abfall des Erzgebirges mit seinen
staffelförmigen Abbrüchen. Im ganzen aber kann man sagen, dass die Hauptmasse
des Erzgebirges von Erdbeben sehr wenig betroffen wird.
Etwas anderes ist es, ob die Gesteine im
Gebiete großer Störungslinien nicht schon bei deren erster Anlage stark
gelockert worden sind. Das ist zweifellos der Fall. Sehr gut lässt sich diese
Erscheinung am Westrande des Lausitzer Granitgebietes beobachten. Wir kennen
alle den trefflichen Lausitzer Granit, wie er bei Demitz-Thumitz gebrochen und
zu Kopfsteinen oder großen Werkstücken verarbeitet wird. Im Gebiete der
"Lausitzer Hauptverwerfung", am Abbruche gegen das Elbtal, ist das
Gestein kaum wiederzuerkennen. Es ist von zahllosen Rissen durchzogen, die eine
Verwertung zu Kopfsteinen völlig ausschließen, und die
"Trümmerstruktur" setzt sich selbst bis in die kleinsten
Mineralkörnchen fort, wie man unter dem Mikroskop beobachten kann. Würde man in
solchem Gebiete eine Sperrmauer ansetzen man sprach von einer Talsperre im
Prießnitzgrunde bei Klotzsche so könnte das aufgestaute Wasser sich
allerdings unter starkem Druck seitlich und unter der Mauer in die Risse
zwängen, sie mechanisch oder auch durch Lösungsvorgänge erweitern und sich
einen Ausgang verschaffen. Dass dadurch schließlich die Mauer selbst gefährdet
wird, ist nicht ausgeschlossen. Trümmerstruktur zeigen auch manche Gesteine im
Elbtalschiefergebirge.
Eins ergibt sich aus diesen Erwägungen als unabweisbare Folgerung: der Wasserbauingenieur hat nicht nur das eigentliche Baumaterial genau auf Struktur, Druckfestigkeit, Wasseraufnahmefähigkeit zu prüfen, sondern auch das anstehende Gestein im weiteren Umkreise der Sperrmauer. Wir sind in Sachsen in der glücklichen Lage, dass unser Land zu den geologisch am genauesten untersuchten Gebieten der Erde gehört; wir besitzen eine geologische Karte 1 : 25 000, unser geologisches Landesamt verfügt über eine sehr umfangreiche Dünnschliffsammlung aller sächsischen Gesteine, über genaue chemische Analysen vor allem aber über einen ausgezeichneten Stab von Fachgelehrten, die ihre Erfahrungen jederzeit in den Dienst der Technik stellen. Da anzunehmen ist, dass unsre Talsperrentechniker von dieser Möglichkeit umfassenden Gebrauch machen und tektonisch gefährdete Gebiete meiden , dürfen wir hoffen, dass mit dem Gebirgsbau zusammenhängende Schädigungen von Staumauern kaum auftreten werden. Ob es uns jemals gelingen wird, ein Katastrophenhochwasser wie das zuletzt erlebte, hinter Sperrmauern abzufangen oder durch raschesten Abfluss unschädlich zu machen das ist eine andere Frage!
TODO ML: Foto "Zerstörtes
Wohnhaus in Glashütte" einscannen und
einbinden.
TODO ML: Foto "Blick vom Rand
des Haberfeldwaldes bei Fürstenwalde auf die unbewaldete Kammhochfläche
Ebersdorf Mückentürmchen"
einscannen und einbinden.
Zur Siedlungsgeschichte der Flussgebiete
der Müglitz und der Gottleuba
Von
Otto Eduard Schmidt, Dresden.
Mehr als vier Monate sind seit der
furchtbaren Hochwasserkatastrophe vergangen, ... Anm. von ML: hier wird noch eine gute Seele gesucht, die
bereit ist, 6 eng beschriebene DIN-A4-Seiten in altdeutscher Schrift
abzutippen. Wobei, dieser Artikel fällt deutlich ab gegenüber den anderen, und
passt auch nicht so ganz unbedingt zum Thema Hochwasser...
Schutzwaldanlagen im östlichen Erzgebirge
Eine
Anregung von Oberforstmeister i.R. Pause, Dresden.
Das namenlose Unglück, das die
Hochwasserkatastrophe über die Bevölkerung des Gottleuba- und Müglitztales mit
den geforderten Menschenopfern und den angerichteten Verwüstungen
heraufbeschworen hat, darf sich niemals wiederholen, das ist der große Schluss,
der aus der furchtbaren Nacht vom 8. zum 9. Juli 1927 gezogen wird. Den
Millionenopfern der Wiederherstellungsarbeiten werden solche der Vorbeugung auf
dem Fuße folgen. Dem Vernehmen nach sollen in den heimgesuchten Tälern im Laufe
des nächsten Jahrzehntes drei Talsperren, und zwar zwei im Müglitz- und eine im
Gottleubatale entstehen mit einem veranschlagten Kostenaufwande von 30
Millionen Reichsmark, der sich erfahrungsgemäß bei Ausführung erheblich erhöhen
dürfte.
Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz
hat nie einen Hehl aus seinen Bedenken gegen eine zu weitgehende Ausdehnung
dieser Kunstleistungen der Wasserbautechnik und gegen die Verwandlung des
Talbodens unserer reizvollen Gebirgstäler in Betten langgestreckter Seen
gemacht. Er hat diese Bedenken auch gelegentlich frei und offen ausgesprochen
und diese Stauanlagen bekämpft, es sei denn, dass ein Lebensbedürfnis einer
Gegend oder eines Stadtkreises oder der Wirtschaft ihre Gründung rechtfertigte.
Unter dieser Voraussetzung wusste der Heimatschutz recht wohl seine Auffassungen
über die Erhaltung des Heimatbildes und des Bestehenden in der Natur
zurückzustellen. Ihm fehlt es mithin durchaus nicht an Verständnis für
Förderungen der Sicherheit, wie sie sich gebieterisch aus den schmerzlichen
Ereignissen der letzten Vergangenheit im Gottleuba- und Müglitztal ergeben.
Dessen ungeachtet möchte er davor warnen,
bei Lösung derartiger Sicherheitsfragen gewissermaßen einen Zwangskurs
einzuhalten und lenkt deshalb die Blicke auf das bayrische Hochland und das
österreichische Alpenland, deren ungestüme Bergwässer menschliche Kraft und
Kunst meist nicht mit Talsperren zu bändigen sucht, sondern mit Hilfe von
Wildbachverbauungen, die den Lauf der an Steilhängen zu Tal fließenden Gewässer
mit Erfolg mäßigen und verlangsamen. Aus der Gewalt, mit der unser Gottleuba-
und Müglitzbach samt ihren Zuflüssen jedem ihren Lauf angetanen Zwang unter
wilder Kraftentfaltung abschüttelten, lassen sich bestimmte Folgerungen
ableiten, und zwar:
·
Einlenkung und
Rückverlegung der Talwässer in ihren selbstgewählten Lauf und in ihre
natürliche Richtung
·
Ausbau der
Wasserbetten, damit auch hochangeschwollene Wassermassen einen möglichst
ungehemmten Abfluss nehmen können
·
Stufenweiser Ausbau
der Bachsohle an Steilhängen
·
Vornahme von
Veränderungen in der Bodenbenutzung des Einzugsgebietes der Wasserläufe.
Auch hierin würde ein Mittel zur Verhütung
plötzlichen starken Anschwellens der Gewässer zu erblicken sein. Dieser
Umgestaltung der Bodenkultur seien einige Betrachtungen gewidmet.
Von allen den vielen Wanderern, die es
drängte, teilnehmend die Stätten der Verwüstung aufzusuchen, werden nur wenige
in den Oberlauf der Schadenbäche und in jenes Ursprungsgebiet vorgedrungen
sein, in dem sich die Quellenarme bilden und wo die ersten Zuflüsse entstehen.
Der Weg führt bei dem Müglitzbach nach den Ortschaften Kratzhammer,
Müglitz und jenseits der Landesgrenze nach Ebersdorf und Voitsdorf. Er wendet
sich sodann nach dem umliegenden Berggelände, das rechtsseitig in und nach
Fürstenwalde und dem Haberfeldwald, linksseitig nach Gottgetreu und Fürstenau
ansteigt. Im Quellengebiet des Gottleubabaches bieten das Wanderziel die
Orte Oelsengrund, Kleinliebenau und die tschechische Ortschaft Schönwald, sowie
die Berghöhen zwischen Oelsen und dem Sattelbergstock am rechten Ufer der
Gottleuba.
Betrachten wir nun die Schadengebiete
näher. Die ersten Zerstörungen hat die bei Vorderzinnwald entspringende Müglitz
in ihrem Oberlauf am eigenen Bachbett und in dessen Umgebung kurz nach
Berührung des Nordausganges des tschechoslowakischen Ortes Voitsdorf
angerichtet. Dort nimmt sie ihren ersten, diese Ortschaft in ganzer Länge
durchströmenden Zufluss auf. Unmittelbar nach dieser Vereinigung beginnt das
Vernichtungswerk. Ähnlich liegen die Verhältnisse im oberen Gottleubatal.
Auch die junge, unweit vom Südostausgange des tschechischen Dorfes Schönwald
aus den Waldbergen abfließende Gottleuba hat zunächst, etwa bis zur Mitte
dieses langausgestreckten Dorfes keinerlei Schaden verursacht, bis dann der
Einlauf ihrer linksseitigen Quellarme sie in einen rasenden Strom verwandelte.
Um daher die Bedeutung des Einzugsgebietes beurteilen zu lernen, müssen diese
ersten Zuflüsse, die das Verhängnis nahezu heraufbeschworen haben, von ihrer
Einmündung in den Talbächen bis herauf zu dem Berglande, dem sie entströmen,
verfolgt und einer Betrachtung unterzogen werden. Aus den zerstörten Ufern, aus
den Schuttmassen und aus jenen schweren durch Überflutung an Häusern und
Straßen hervorgerufene Schadenwirkungen lässt sich ein Rückschluss ziehen auf
die namenlose Schnelligkeit, mit der sich gewaltige Wassermassen in den sonst
schmalen Rinnsalen ansammelten. Bezeichnend hierfür ist der bei Kratzhammer in
die Müglitz einmündende Fürstenwalder Dorfbach, dessen ungestümer Abfluss
zugleich den Beweis liefert, wie eine Stauanlage, selbst wenn sie unweit der
Quelle gelegen ist, dennoch die im Ablauf gehemmten und schließlich
durchbrechenden Wasserfluten zu einer verheerenden Gewalt zu steigern vermag.
Ein äußerst wirkungsvolles Bild raschen, das Bett aufreißenden und das
Grundgestein aufwühlenden Zuzugs von Wasser in weiten Talmulden bietet der sich
bei dem Orte Müglitz in den gleichnamigen Bach ergießende Sörnitz- oder
Schwarzbach, dessen Ursprung im Sumpfgebiet der Schwarzen Wiesen liegt und der
vom Haberfeldwalde her im Mittelwiesenbach einen Zufluss erhält. Arge
Uferzerreißungen sind auch an den linksseitigen Nebenflüssen der oberen
Gottleuba wahrzunehmen: an dem den Harthewald durchfließenden tiefeingefurchten
Nasenbach, an dem bei Kleinliebenau einmündenden Grenzbach, dessen
Zerstörungswerk in der Talmulde unweit Rudolfsdorf beginnt und sich mit
zunehmendem Gefälle und schluchtartiger Ausformung des Geländes steigert; an
den Gewässern in den weiten Talmulden des Klöppisch-, Dicks- und
Nitschmüllergrundes, die im Dorfgebiet von Schönwald der Gottleuba ihr Wasser
zuführen. Von dem sich rechtsseitig aufbauenden Berglande hat die Gottleuba
scheinbar keinen starken Zulauf erhalten. Das Bachbett des an der Schafbrücke
einmündenden Oelsener Dorfbaches weist keine Anzeichen eingetretener starker
Anschwellung des Wasserlaufs auf und die Uferschäden an dem in Oelsengrund
eintretenden Bergbach halten sich in erträglichen Grenzen.
Alles, was die genannten Bergwässer und
ihre zahlreichen Quell- und Nebenarme von ihren Ufern, von den leider dort
vielfach angehäuften Steinhalden und dem aufgewühlten Bachboden an
Steinblöcken, Gerölle, Sand- und Erdmassen loszureißen vermochten und was die
ausgetretenen Fluten sonst noch niederwarfen und fortrissen, das staute sich
unterwegs an Uferstrecken mit abnehmendem Gefälle und zuletzt, vielfach in
weitem Ausgreifen über die Uferlinien hinaus, nach der Einmündungsstelle im
Tale zu an und vermehrte dadurch jene Abflusshemmungen, in deren schließlicher
Überwindung zugleich eine unheimliche Steigerung der Stoßkraft des abströmenden
Talwassers lag. Oft verwandelten jene von den herabstürzenden angeschwollenen
Bergwässer auch die Talwiesen im Einmündungsgebiet in wahre Trümmerfelder. Mit
dieser kurzen Schilderung dürfte ein Streiflicht auf die ausschlaggebende
Bedeutung des Einzugsgebietes bei derartigen Elementarereignissen geworfen
sein. Ganz offensichtlich ist aus dem Zustand der Wasserläufe zu erkennen, dass
in der Schreckensnacht vom 8. zum 9. Juli die Hauptwassermassen auf dem
Höhenrücken des Haberfeldwaldes und bei Rudolphsdorf niedergegangen sind.
Unterziehen wir nun das Haupteinzugsgebiet
der Müglitz und Gottleuba auf seine Beschaffenheit hin einer näheren
Betrachtung, so fällt der weitgehende Mangel an Bewaldung auf der ganzen
Hochebene auf. Das Kammgebiet weist eigentlich nur einen zusammenhängenden
Bergwald, den Haberfeldwald zwischen Streckenwald und Fürstenwald auf; außer
ihm treten nur kleine Waldgruppen auf der Hochebene hervor. Auf tschechischer
Seite sind selbst die Abdachungen dieses Hochlandes nach den beiden
Hauptflusstälern zu entweder unbestockt oder nur mit schmalen Waldstreifen
bestanden, während auf dem sächsischen Gebiet die meist steil abfallenden
Talwände mit wenigen Ausnahmen ausreichend Wald tragen, der mitunter, z.B. beim
Harthewald südlich vom Oelsengrund gelegen , auch auf die Hochebene
übergreift.
In diesem Mangel an Bewaldung auf
Höhenlagen von sechshundert bis siebenhundert Meter Meereshöhe mit ihren
reichen Niederschlägen darf eine der Ursachen für die grenzenlose Auswirkung
der Unwetterkatastrophe im östlichen Erzgebirge erblickt werden. Auf den Wald
als Regulator der atmosphärischen Niederschläge und dadurch auch des Standes
der fließenden Gewässer soll hier nicht näher eingegangen werden. Die Anlage
von Waldungen in einem solchen Umfange, dass die zeitliche Verteilung der im
Verlaufe eines Jahres fallenden Regenmengen beeinflusst werden könnte, scheidet
im vorliegenden Falle vollkommen aus. Es ist mehr an den Wald als Zerstäuber
des auf das Kronendach niederrinnenden Regens sowie als bodenbindenden
Vegetationsüberzug oder als mechanisches Hindernis für raschen Abfluss der zur
Erde gelangten Regen- und auf dem Boden abziehenden Schneeschmelzwässer zu
denken. Als ein Abflusshindernis erweisen sich bereits jugendliche
Waldbestände, während später, bei lichterem Stand der Stämme und bei geeigneter
Mischung der Holzarten die Bodenflora und sich einstellendes Strauchwerk dafür
sorgen, dass selbst stärkere Niederschläge mehr absickern als abfließen und
infolge des verlangsamten Abflusses teilweise auch in die Bodenkrume
einzudringen vermögen. Diese selbst wird infolge des starken Wasserbedürfnisses
der Waldbestände aufnahmefähiger für Wasser. Auf diese Vorteile einer
Waldbestockung kann selbst bei einer räumlichen Beschränkung der Waldanlagen
gerechnet werden.
Bei Behandlung der Aufforstungsfrage darf
keinesfalls übersehen werden, dass das ganze Einzugsgebiet besiedelt ist und
dass sowohl auf den Hochebenen, wie in den Gründen und an den Abhängen Feld-
und Wiesenbau getrieben wird. Dass Boden und Klima im Verein mit einem starken
Mangel an Arbeitskräften den Landwirtschaftsbetrieb auf dem Gebirgskamme
erschwerend und nicht gewinnbringend gestalten, bedarf keines näheren
Nachweises. Besonders ärmlich gestaltet sich der Wiesenbau in den häufig nassen
und zur Versäuerung ja zur Versumpfung neigenden muldenförmigen
Geländeeinbuchtungen und in den Kammgegenden. Die wirtschaftliche Lage der
bäuerlichen Bevölkerung lässt es nicht zu, mit kostspieligen künstlichen
Düngemitteln die Wuchsleistungen des Wiesenlandes zu fördern. Und so überziehen
vielfach Sauergräser, Spagnum-Moose, ab und zu auch wertloses Strauchwerk die
Wiesengründe, deren geringwertigste die Besitzer sich nicht scheuen, unabgemäht
liegen zu lassen. Die Einschaltung von Feldbau von fünf zu fünf Jahren ist das
einzigste Mittel, um den erschöpften Wiesenboden etwas zu verbessern. Die
Missernten bei dem an und für sich kärglichen Körnerfruchtbau sind hinlänglich
bekannt; die Schwierigkeiten, die der oft zähe und zur Vernassung neigende
Boden dem Kartoffelbau entgegensetzt, nicht minder. Dessen ungeachtet hängt der
Bergbauer an seiner Scholle und an seinem Betriebe. Das karge Land wird, wie
sich ein Beobachter dieser Gegend treffend ausdrückte, durch das vom
Wirtschafter und seiner Familie im Schweiße des Angesichts alljährlich im Boden
investierte, aber von diesem nicht zurückgegebene Arbeitskapital in seinen
Augen immer wertvoller und die Verbindung mit ihm immer enger und inniger.
Mit diesen wirtschaftlichen Zuständen und
Auffassungen der Bewohner muss bei der Überführung in Wald gerechnet werden.
Wie ein Blick auf die Messtischblätter Fürstenwald und Berggießhübel lehrt,
weist die Besitzverteilung eine langgestreckte Hufform auf. In langgezogenen
Streifen läuft der Einzelbesitz von den besiedelten Taleinschnitten aufwärts
nach den Höhen und so ließen sich zunächst die rauen entlegensten Hochlagen für
eine Aufforstung im Zusammenhange gewinnen, ohne den Wirtschaftsbetrieb des
Einzelbesitzers merklich in Mitleidenschaft zu ziehen oder gar brach zu legen.
In anderen Teilen des Erzgebirges hat sich der Übergang von Feld- in Waldbau in
ähnlicher Weise vollzogen, nicht zum Nachteile des verbleibenden, leichter und
besser zu bewirtschaftenden Besitzes. Die wellige Bodenausformung schafft oft
kammartig heraustretendes Land oder flachgründige steinige Flächen, wo der
Waldbau einsetzen könnte. Und umgekehrt fehlt es nicht an moorigen Senken, in
denen selbst eine Bodenmelioration kaum zu Erfolgen führen würde, während bei
geeigneter Auswahl der Holzarten eine Waldvegetation Fuß zu fassen vermöchte.
Infolge ihres Überflusses an Feuchtigkeit von Rinnsalen durchzogen, sind jene
Moormulden das Mutterland der oben geschilderten Quellarme und daher vom
Standpunkt einer günstigen Wasserverteilung aus vornehmlich (Anm. von ML:
hier im Sinne von "bevorzugt" zu verstehen) in Wald überzuführen.
Endlich kommen stellenweise noch vorhandene, steil abfallende, magere Hanglagen
für den Waldanbau in Betracht. Im allgemeinen darf bei aller Rücksicht auf
einen ordnungsgemäßen Weiterbetrieb der Landwirtschaft mit der Aufforstung
nicht in eine Kleinflächenwirtschaft verfallen werden. Auf diesem Wege ließe
sich weder ein verlangsamter Wasserabfluss erreichen, noch genügende Sicherheit
für den Neuwald gegen die Wirkungen von Stürmen und Schneewettern schaffen.
Um auch Aufforstungsvorschläge zu machen,
sei auf einige wichtige Einzugsgebiete hingewiesen:
1.
Auf den südlichsten
Ausläufer der Fürstenwalder Flur von der Landesgrenze bis einschließlich des
steilen Südeinhanges nach dem Mittelwiesenbach, wodurch der Müglitzhangwald und
der Haberfeldwald in Verbindung zueinander treten würden.
2.
In Fürstenwalder und
Rudolphsdorfer Flur auf eine Verbindung des Harthe- und Haberfeldwaldes längs
der Landesgrenze unter Freilassung der besseren Lagen von Rudolphsdorf. Dabei
würde diese Grenzrandaufforstung Ausbuchtungen von genügender Breite zu beiden
Seiten der Quellarme des Grenzbaches in Richtung nach der die Wasserscheide
bildenden Dresdener Straße erhalten müssen.
3.
In Breitenauer und
Oelsener Flur auf Verbreiterung der Steilrandbestockung am Gottleubahang nach
der Hochebene zu.
Der zu begründende Wald würde nicht
ausschließlich als Wirtschaftswald, sondern auch als Schutzwald
anzusehen sein. Wohlgeschlossene gleichwüchsige Fichtenbestände zu erziehen,
über deren mit einer gleichmäßigen Nadelschicht überzogenen Bodengrund das
Regen- und Schneeschmelzwasser glatt hinwegrieselt, wäre kaum vereinbar mit dem
erstrebten Ziele, ebenso wenig eine Schlagführung unter Freilegung größerer
Flächen. Die mit der Aufforstung in diesen Gegenden zu verfolgenden
Wirtschaftsziele weichen daher von denen einer lediglich auf Gewinn gerichteten
Waldbehandlung innerhalb bestimmter Grenzen ab. Es handelt sich zweifellos auch
um die Schaffung eines ganz besonderen zweckdienlichen Waldzustandes. Das soll
nur angedeutet werden, um damit zu begründen, dass die Neuschöpfung von
Kammschutzwaldungen ganz ausschließlich Sache des Staates sein muss. In
diesen Schutzgebieten muss der volkswirtschaftlich tauglichste Zustand mit
Nachdruck, aber gleichwohl ohne wirtschaftliche und soziale Erschütterung der
Eigentümer des benötigten Bodenraumes angestrebt werden. Auf unüberwindliche
Schwierigkeiten dürfte eine geeignete Scheidung von Landwirtschafts- und Waldland
kaum stoßen, sofern angemessene Geldentschädigungen für das abverlangte Land
gewährt werden. Eine Rechnung über den entstehenden Aufwand aufzumachen, ist
erst möglich, wenn ein ungefährer Überblick über das Aufforstungsgelände
gewonnen ist. Kauf und Aufforstung der oben bezeichneten Aufforstungsgebiete
von ungefähr 3,5 Hundert Hektar Flächenumfang würden etwa einen Aufwand von ½
Million Reichsmark hervorrufen. Sehr erwünscht wäre ein Vorgehen in gleicher
Richtung im Nachbarlande, und es dürfte kaum zu umgehen sein, dass beide
Staatsverwaltungen sich in Verbindung setzen und die Aufforstungsbestrebungen
gemeinsam verfolgen. In der Tschechoslowakei käme das Land um Ebersdorf, ferner
der Gegend zwischen Streckenwald und Schönwald, sowie endlich der Steilhang längs
des Grenzbaches und vom Sattelbergstock nach der Gottleuba bis in die Umgegend
von Oelsengrund in Betracht.
Die gegebenen Darlegungen sollen und
können nur Anregungen sein und vermögen nur einen der Wege anzudeuten,
die uns in Zukunft vor Elementarereignissen mit so erschütterndem Ausgange zu
bewahren imstande sind. Die Natur ist in diesem Sommer in unserem lieben
östlichen Erzgebirge einmal mit aller Gewalt aus den Fugen gegangen; versuchen
wir es, derartige, weiten Strecken unseres Landes zum Verderben gereichende,
alle Fesseln sprengende Kraftentfaltungen des abfließenden Wassers auch durch
Anwendung von natürlichen Gegenmitteln für die Zukunft zu verhindern.
Dass dieses Bergland in alter Zeit mehr bewaldet gewesen ist als jetzt, dürfte
kaum bezweifelt werden können und so stünden wir mit jener beklagenswerten
Heimsuchung vor einer jener Folgeerscheinungen, die viele Länder, in denen im
Mittelalter die Bergwälder verschwanden, veröden ließen oder ständiger
Überschwemmungsgefahr aussetzen. Darum wollen wir unverzüglich Hand anlegen zur
Begründung von Schutzwaldungen im Einzugsgebiet der Müglitz und Gottleuba und
in verständnisvollem Vorgehen eine Brücke schlagen von der landwirtschaftlichen
zur forstlichen Bodenkultur.
TODO ML: Abbildung "Das Ursprungsgebiet des Hochwassers vom Juli 1927
im östlichen Erzgebirge" einscannen und einbinden.
Katastrophenbekämpfung an
Mittelgebirgsflüssen
Von
Regierungsbaurat Dr.-Ing. Hans Dreyer, München.
Die in verschiedenen Gegenden Deutschlands
immer wieder auftretenden schweren Hochwasserkatastrophen wecken das Interesse
weiter Kreis an den technischen Maßnahmen zum Schutz der menschlichen
Siedlungen, der Kulturgründe und Verkehrsstraßen vor derartigen Elementarereignissen.
Insbesondere legen die Vernichtung so vieler Menschenleben und die großen
Schäden, wie sie neuerdings im östlichen Erzgebirge zu beklagen sind, die Frage
nahe, welche Vorsorge an den Flüssen des Mittelgebirges gegen eine Wiederholung
solcher Katastrophen getroffen werden kann. Die Beurteilung der zweckmäßigsten
technischen Abwehrmaßnahmen setzt die Kenntnis der Entstehungsursachen der
Katastrophen voraus, die in den einzelnen Gebieten durchaus verschieden
sein können.
Man kann im wesentlichen zwei Arten von
Hochwässern unterscheiden. Die eine entsteht durch einen sehr heftigen Regen
von kurzer Dauer. Ein derartiges Hochwasser tritt mit elementarer Wucht auf und
verläuft dann rasch. Von ihm werden meist nur kleine Flussgebiete, kurze Täler
betroffen. Da sich Niederschlagszentren (Sturzregen) nicht selten in demselben
Gewitterzuge an verschiedenen Stellen gleichzeitig oder kurz hintereinander
bilden, so fallen sie mitunter in das gleiche Flussgebiet. Die von ihnen
ausgehenden Flutwellen vereinigen sich dann zu starken Anschwellungen selbst
ansehnlicher Flüsse oder laufen infolge der Verteilung des Niederschlags oder
der Gliederung des Flusssystems kurz hintereinander ab und bilden dann einander
folgende Flutscheitel (vgl. Abb. 2). Demgegenüber werden
Flüsse größeren Einzugsgebietes in der Regel durch starke Landregen, durch die
Schneeschmelze bei lang anhaltendem Tauwetter oder durch beide zusammen zu den
größtmöglichen Anschwellungen veranlasst. Wie viel von der Niederschlagsmenge
zum Abfluss gelangt, hängt von der Form und Beschaffenheit des Einzugsgebietes
ab. Je glatter und undurchlässiger die Abflussflächen, je geringer die
Hindernisse auf diesen, desto mehr gelangt vom Niederschlag in die Wasserläufe.
Ein gut bewachsenes, besonders von Wald bestandenes Einzugsgebiet vermag, wenn
es nicht durch vorherige lange Regenfälle schon gesättigt ist, beträchtliche
Wassermengen zurückzuhalten und liefert daher im allgemeinen erheblich
niedrigere Höchstwassermengen als ein kahles, felsiges, steiles Gelände, in dem
der Niederschlag schnellstens und fast restlos zum Abfluss gelangt. Im Winter
begünstigt ein gefrorener Boden oder eine gefrorene oder bereits gesättigte
Schneedecke den schnellen Abfluss des Niederschlags, der durch eine unmittelbar
folgende Schneeschmelze noch verstärkt werden kann. Die Bildung der Hochwässer
kann endlich durch eine Reihe anderer Umstände begünstigt werden, die für die
Beurteilung der zweckmäßigsten Abwehrmaßnahmen jedoch nicht von einschneidender
Bedeutung sind. Zu beachten ist jedenfalls, dass die Entstehung der
Anschwellungen und der Aufbau der Flutscheitel selbst bei demselben Wasserlauf
außerordentlich mannigfaltig sein kann, dass gerade bei Mittelgebirgsflüssen
die Hochwässer im allgemeinen zu fast jeder Jahreszeit auftreten und den
verschiedenartigsten Verlauf nehmen können. Diesem Umstand ist bei der Wahl der
zweckmäßigsten Maßnahmen zur Katastrophenbekämpfung unbedingt Rechnung zu
tragen.
Die bei einem Hochwasser ungebändigt zu
Tal strömenden Wassermassen äußern ihre Kraft in mannigfaltiger Hinsicht,
besonders an allen sich ihrem Abfluss entgegenstellenden Hindernissen. Sie
greifen die Flusssohle und die ungeschützten Ufer an, die bald abreißen. Der
Einbruch dehnt sich mit unheimlicher Geschwindigkeit landeinwärts aus, bis
Häuser, Brücken und Wehre durch Unterwühlung ihrer Fundamente zum Einsturz
gebracht werden. Der unmittelbare Anprall des Wassers gegen die Bauwerke tritt
gegenüber dieser Wirkung meistens völlig zurück. Wehrwiderlager werden umgangen
und dadurch unterspült, oder es bilden sich hier neue Betten aus. Besonders
gefährlich sind die mitgeführten Massen von Baumaterial, Holz, das von
Lagerplätzen abgeschwemmt wurde und dergleichen. Sie setzen sich an engen
Flussstellen, scharfen Krümmungen, Brücken, Wehren usw. fest, sie
"verklausen sich". Hinter dieser Sperre, die durch weiteres Treibzeug
aller Art, entwurzelte Bäume, Strauchwerk gedichtet wird, staut sich das Wasser
sehr schnell an, bis es den erforderlichen Überdruck erlangt hat, um die Sperre
und damit nur zu oft das zur Verklausung Anlass gebende Bauwerk zu zersprengen.
Nun wälzt sich plötzlich mit ungeheurer Gewalt eine Wassermasse schwallartig zu
Tal, die das ursprüngliche Hochwasser um ein Vielfaches übersteigt, ein wildes
Chaos von Steinen, Balken, wie Zündhölzern geknickten schweren Eisenträgern und
dergleichen mit sich führt und dadurch oft die schwersten Katastrophen
verursacht. Ähnlich wirken Eisstauungen. Im Oberlauf der Flüsse, also auch im
Mittelgebirge, ist das Verhältnis von größtem Hochwasser zum Mittelwasser viel
ungünstiger als weiter flussabwärts. Die außergewöhnlich großen Hochwässer
treten andererseits nur in längeren Zeiträumen auf. Die Brücken und Wehre, die
an sich zur Kostenersparnis gerne an den engen Flussstellen angeordnet werden,
erhalten daher häufig nicht die zur Abführung der größtmöglichen Wassermenge
unbedingt erforderlichen Öffnungen. Die Bevölkerung wird sorglos; es werden
Häuser in das Überschwemmungsgebiet eingebaut, die den Ablauf der Wassermassen empfindlich
stören. In engen Gebirgstälern ist natürlich die Versuchung hierzu groß; jedes
Hindernis steigert aber die Gefahr flussabwärts. Gerade die dem ungestörten
Ablauf der Flutwellen entgegenstehenden Hindernisse sind es also, die zu den
schweren Katastrophen führen.
Eine weitere Ursache ist oft weit oben im
Quellgebiet und im Mittellauf des Flusses zu suchen. Der durch einen Sturzregen
stark angeschwollene Bach unterwühlt den Fuß eines Hanges dieser stürzt nach
und verlegt den Wasserlauf. Hinter dem natürlichen Sperrdamm aus Geröll und
dergleichen staut sich das Wasser schnell an, bis es ihn überflutet und damit
zerreißt. Nun strömt die durch den Aufstau vielfach vergrößerte Wassermenge mit
ungeheuren Schutt- und Treibzeugmassen in wilder Gewalt zu Tal und vermag ganze
Ortschaften in wenigen Minuten völlig zu zerstören. Endlich kann eine
Sohlenerhöhung infolge Auskiesung und der dadurch verursachte Ausbruch des
Flusses aus seinem Bett die Katastrophe einleiten.
Für die Katastrophenbekämpfung muss nun oberster
Grundsatz bei allen technischen Maßnahmen sein, dass die den Schutz innerhalb
der angestrebten Grenzen unter allen Umständen und unter den denkbar
ungünstigsten Verhältnissen jederzeit sicher verbürgen. Ist dies
nicht gewährleistet, so täuschen sie ein Sicherheit vor, die trügerisch ist.
Die Katastrophe, die vielleicht erst in längerer Zeit eintritt, wird um so
furchtbarer. Diese Grundforderung ist an Mittelgebirgsflüssen besonders
wichtig; denn in den engen Tälern ist die Gefährdung von Menschenleben viel
größer als in weiten Talniederungen. Die Technik kennt nun zwei Wege der
Katastrophenbekämpfung: Maßnahmen zur Verhütung bzw. Abminderung von
Hochwässern und Vorkehrungen zum Schutze gegen Hochwasser.
Die Maßnahmen zur Verhütung bzw.
Abminderung der Hochwässer bezwecken, den schädlichen Teil des Hochwassers
zurückzuhalten, das Hochwasser also bis zu einer derartigen Abflussmenge
herabzumindern, dass schädliche Wirkungen nicht mehr auftreten bzw. dass der
Hochwasserschutz vereinfacht wird. Am einfachsten und durchgreifendsten ist
dies anscheinend durch Speicherbecken (Rückhaltebecken) zu
erreichen, wie sie durch Talsperrenanlagen geschaffen werden. Praktisch
begegnet die Durchführung dieses Abhilfemittels jedoch vielfach großen
Schwierigkeiten. Dabei kann der Einwand etwa mangelnder Standsicherheit der
Talsperren und der dadurch bedingten großen Gefahr beim Einsturz im Hinblick
auf den heutigen Stand der Technik unberücksichtigt bleiben; vorauszusetzen ist
allerdings, dass das Staugebiet frei von tektonischen Störungen ist. Die
Schwierigkeiten liegen vielmehr auf rein volkswirtschaftlichem Gebiet und in
der Finanzierung. Insbesondere der einwandfreie Betrieb dieser Rückhaltebecken
ist durchaus nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint und
verbürgt nur zu oft nicht die erforderliche absolute Sicherheit.
Der für den unschädlichen Abgleich einer
Flutwelle bereitzustellende Speicherraum muss auf Grund der obigen Ausführungen
nach dem denkbar größten Hochwasser bemessen werden. (bei einer im Lech
unterhalb Füssen projektierten Talsperrenanlage wurde z.B. den Untersuchungen
zur Sicherheit nicht das bisher bekannte größte Hochwasser von rund 900 m3/sec
zugrund gelegt, sondern in Rücksicht auf einen denkbaren ungünstigeren Aufbau
der Flutwelle ein um 30% höheres von 1200 m3/sec.) Dieser
Forderung ist durchaus nicht immer Rechnung getragen. Die Folge war, dass ein
unerwartet großes Hochwasser nicht abgeglichen werden konnte und daher
überraschenden Schaden verursachte. Betrachtet man nun eine nicht einmal
außergewöhnlich hohe Flutwelle eines Mittelgebirgsflusses (vgl. Abb.
1), der unschädlich eine Wassermenge von 70 m3/sec, d.h. etwa
das neunfache Jahresmittelwasser abzuführen vermag, so ergibt sich, dass zur
Zurückhaltung der 70 m3/sec übersteigenden Wassermengen ein
Speicherraum von nicht weniger als 7,25 Mio. m3 erforderlich ist.

Abb.
1. Flutwelle eines Mittelgebirgsflusses, die durch Landregen veranlasst wurde.
Durch einen Hochwasserschutzraum vom 3 Mio. m3 kann der Wellenscheitel von 200 auf 115 m3
/sec herabgemindert werden (schraffierte Fläche).
Man sieht, dass selbst an kleinen Flüssen
der zum unschädlichen Hochwasserabgleich benötigte Stauraum verhältnismäßig
sehr groß ist und daher häufig nicht zur Verfügung gestellt werden kann. Dazu
kommt, dass viele Becken mit der Zeit weitgehend durch Auflandung verkleinert
werden, deren meistens erforderliche Beseitigung beträchtliche Kosten
verursachen kann. Steht andererseits für den Hochwasserschutz an diesem Fluss
z.B. ein an sich schon beträchtlicher und daher kostspieliger Beckeninhalt von
3 Mio. m3 zur Verfügung, so
könnte hiermit die Flutwelle nur auf 115 m3 /sec herabgemindert
werden, eine Wassermenge, die jedenfalls nicht mehr unschädlich ist. Der
Abgleich des Hochwassers durch ein Rückhaltebecken allein wird auch
deshalb häufig nicht erreicht, weil die vorgesehene Talsperrenanlage nicht das
ganze Einzugsgebiet bis zur gefährdeten Stelle beherrscht. Durch starke
Teilüberregnung oder dergleichen können sich unterhalb oder in anderen
Seitentälern unabhängige Flutscheitel bilden, auf die das Rückhaltebecken keine
Wirkung hat, da etwa der gleichzeitige Zufluss zum Speicher selbst sehr gering
ist. Man versucht zwar in diesem Fall bei größeren Flüssen durch einen
verwickelten Betriebsschlüssel Einfluss zu nehmen (z.B. verschieden große
Zurückhaltung bei Anlauf bzw. Ablauf der Anschwellung und dergleichen in
Abhängigkeit von dem normalen Aufbau der Flutscheitel). Bei den verhältnismäßig
kurzen Mittelgebirgsflüssen ist dies jedoch nicht möglich, da an ihnen wie
wir gesehen haben immer mit nicht voraussehbaren, durch Sturzregen
verursachten Hochwässern zu rechnen ist und infolgedessen der Speicherraum nicht
vorzeitig in Anspruch genommen werden darf. Sind aber in den wichtigeren
Seitentälern mehrere Talsperren angelegt, so tritt die nicht zu unterschätzende
Schwierigkeit auf, ihren Betrieb untereinander abzustimmen. Die veränderlichen
Fließzeiten und die mit diesen nicht zu verwechselnden
Fortpflanzungsgeschwindigkeiten der Wellenscheitel erschweren hierbei die Wahl
des zweckmäßigsten Betriebes in hohem Maße. Sehr beachtliche Schwierigkeiten
bietet ferner die Wahl des Zeitpunktes und der Größe der aus dem Becken wieder
abzulassenden Wassermengen. Es muss selbstverständlich darnach getrachtet
werden, das Becken schnellstens wieder zu entleeren. Die abgelassenen
Wassermengen können aber flussabwärts zur Bildung neuer gefährlicher
Flutscheitel Anlass geben. Es wird daher unter Umständen durch das
Rückhaltebecken die Gefahrenzone nur verschoben. Bei der Mannigfaltigkeit des
Aufbaues der Flutscheitel lässt sich die Aufgabe vielfach nicht eindeutig
lösen.

Abb. 2.
Katastrophenhochwasser eines kleinen
Mittelgebirgsflusses, hervorgerufen durch einen vierstündigen Sturzregen; nach fünfeinhalb
Stunden setzte neuerdings starker Niederschlag ein und führte zur Bildung einer
beträchtlichen Nachwelle. Für die Zurückhaltung des Hochwassers bis zur
unschädlichen Wasserführung (50 m3/sec) wäre ein Becken von fast 4
Mio. m3 erforderlich. Beim Zurückgehen der Wasserführung unter 50 m3/sec
sei sofort mit der Entleerung des Schutzraumes begonnen worden, die natürlich
beim Wiederanschwellen, spätestens jedoch beim Überschreiten der unschädlichen
Wassermenge eingestellt werden müsste. Die Entleerung wäre in diesem Fall
praktisch völlig bedeutungslos gewesen. Die Nachwelle würde auf ein volles
Becken treffen und daher fast unverkürzt zum Ablauf kommen.
Häufig verlaufen aber die Hochwässer
durchaus nicht so einfach, wie es Abb. 1 schildert. Infolge
der Gliederung des Einzugsgebietes oder erneuter starker Niederschläge können
sich unerwartet Nachwellen ausbilden, die dann auf ein volles Becken treffen
und daher nicht mehr herabgemindert werden können (vgl. Abb. 2).
Verhängnisvoll wirkt hierbei das an sich erklärliche Bestreben, auch die
häufigen normalen Hochwässer zur Verminderung der Schäden an den Flussbauten
und Kulturen möglichst weit abzugleichen und dafür schon einen erheblichen Teil
des Speicherraums in Anspruch zu nehmen. Dadurch wird die Katastrophengefahr in
dem in Sicherheit gewiegten Tal gesteigert. Die Versuchung zu einem derartigen
Vorgehen ist jedenfalls umso größer, als jeweils nach unabgeglichenen normalen
Hochwässern der Betriebsleitung heftige Vorwürfe von der Bevölkerung gemacht
werden. Mit einer Regelmäßigkeit im Aufbau der Flutscheitel kann nach den
obigen Ausführungen an Mittelgebirgsflüssen nicht gerechnet werden. Eine derart
zuverlässige und rechtzeitige Voraussage der Wasserführung, dass der Betrieb an
der Talsperre hierauf eingestellt werden könnte, also z.B. ohne Gefahr einer
drohenden Nachwelle auch die normalen Hochwässer abgeglichen werden könnten,
ist an den meist kurzen Mittelgebirgsflüssen unmöglich. (Nachträglich an der
Hand eines abgelaufenen bekannten Hochwassers lässt sich der für dieses
zweckmäßigste Betrieb freilich einfach feststellen.) Dem Hochwasserschutz durch
Talsperren ist daher in jedem Fall eine völlig eindeutige und starre
Betriebsvorschrift zugrunde zu legen, die unbedingt dem ungünstigsten, in
seiner Größe gerade an kleineren Flüssen kaum eindeutig vorauszusehenden
Hochwasser angepasst sein muss. Der Schutzraum kann dabei aber nur höchst
selten voll ausgenützt werden; andererseits müssen verhältnismäßig hohe
Wasserführungen, die noch erheblichen Schaden an den Flussbauten und Kulturen
verursachen, vielfach unabgeglichen zu Tal gelassen werden. Endlich können in
den meisten Fällen trotz des Rückhaltebeckens unterhalb desselben umfangreiche
Verbauungen nicht entbehrt werden. Die Wirtschaftlichkeit des
Hochwasserschutzes durch Talsperrenanlagen ist also schon aus diesen Gründen
vielfach eine sehr geringe.
Dazu kommt, dass die Anlagekosten
einigermaßen großer Rückhaltebecken sehr hoch sind. Sie sind daher in den
meisten Fällen wirtschaftlich nur einigermaßen tragbar, wenn sie gleichzeitig
anderen Nutzungen dienen (Trinkwasserversorgung; Aufspeicherung von
Zuschusswasser für die Schifffahrt; Gefälleausnützung, Niederwasseraufbesserung
sowie Wochen- und Tagesspeicherung für die Wasserkraftausnützung). Diese
anderweitigen Nutzungen der Talsperrenanlage müssen meistens den erheblichen
Teil der Anlagekosten übernehmen und beanspruchen daher mit Recht den größten
Teil des Speicherbeckens. Die Interessen dieser Nutzungen geraten jedoch in
Widerstreit mit denen des Hochwasserschutzes, der ein leeres Becken erfordert.
Insbesondere die Wasserkraftausnützung strebt einen für Niederwasserzeiten
bereitzustellenden möglichst vollen Speicher an. Außerdem wünscht sie vor
allem bei den an Mittelgebirgsflüssen häufig unmittelbar unterhalb der
Staumauer angeordneten Kraftwerken zur Erzielung eines großen Nutzgefälles
einen hohen Stauspiegel in möglichst gleichbleibender Lage; denn ein stark
schwankendes Nutzgefälle vermindert den Wert der dadurch unständigen Energie
sehr erheblich. Die einander widerstreitenden Interessen der einzelnen
Nutzungsarten sind in befriedigender Weise nur schwer miteinander in Einklang
zu bringen und bilden deshalb eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle für
den Hochwasserschutz. Die oben geschilderten Nachteile treten hier in
verstärktem Maße auf. Voraussetzung für eine tragbarere Lösung ist, dass dem
Hochwasserschutz zur völlig freien Verfügung der obere, fest umgrenzte Teil des
Speicherraumes überlassen wird, der von den übrigen Nutzungsarten unter keinen
Umständen in Anspruch genommen werden darf. In Rücksicht auf die Finanzierung
der Anlage wird dieser Teil immer nur sehr klein sein und wird völlig
einwandfreien Betrieb vorausgesetzt in den meisten Fällen nur genügen,
lediglich die Spitze der größten Hochwässer zu köpfen. Damit ist aber der
gewünschte Hochwasserschutz keineswegs erreicht. Die aus dem Speicher
abfließenden, noch sehr großen Wassermengen können trotz der Talsperrenanlagen
erheblichen Schaden verursachen und erfordern daher noch erhebliche
Aufwendungen für Flussverbauungen.
Einen ähnlichen Zweck wie Talsperrenanlagen
verfolgen flache ausgedehnte Sammelteiche, die durch Schützentore oder
dergleichen vom Flusslauf getrennt sind. Die Tore werden im geeigneten
Augenblick geöffnet, um den obersten Teil des Flutscheitels in das Becken
eintreten zu lassen und dadurch die höchste Spitze des Hochwassers abzuköpfen.
Die Wahl des richtigen Zeitpunktes ist jedoch außerordentlich schwierig; sie
ist bei kleineren Flüssen überhaupt nicht einwandfrei zu treffen. Diese
Maßnahme ist daher im vorliegenden Falle völlig unzuverlässig. Da die
Sammelteiche eine große Oberfläche erfordern, kommen sie zudem für
Mittelgebirgsflüsse nur in den seltensten Fällen in Betracht.
In Bayern führten eingehende
Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass die in gewissen Mittelgebirgen
ausführbaren Talsperrenanlagen die Hochwässer vielfach nicht in einem
derartigem Umfange abzumildern vermögen, wie es zur Schadenverhütung und zur
Ermöglichung der Finanzierung nötig wäre. Die zum Hochwasserschutz des
Pegnitztales, insbesondere von Nürnberg, seinerzeit vorgesehenen Sammelbecken
(Polder) wurden aufgegeben. Der Hochwasserschutz wird an diesen Wasserläufen
nunmehr durch andere Maßnahmen, wie sie unten gezeigt werden, angestrebt.
Zusammenfassend ist über die Katastrophenbekämpfung an Mittelgebirgsflüssen folgendes festzustellen: Rückhaltebecken vermögen unter ganz bestimmten Voraussetzungen zweifellos zur Abminderung der Flutscheitel beizutragen und an geeigneter Stelle angewendet Segen zu stiften. Sie bilden aber vielfach eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle. In jedem Falle ist mit äußerster Vorsicht zu prüfen, ob ein ausreichender Hochwasserschutz durch die beabsichtigten Talsperren auch unter den ungünstigsten Umständen sicher erreicht wird, ob sie nicht etwa vielmehr durch eine nicht immer zweifelsfreie Wirkung eine Sicherheit vortäuschen, die dann erst gerade zu schweren Katastrophen führt.
Die Beobachtung der Natur zeigt noch eine andere Möglichkeit zur Abminderung der Katastrophenhochwässer, die in ihrer Wirkung den künstlichen Speicherbecken ähnelt. Sie besteht darin, die natürliche Zurückhaltung der Niederschläge im Boden, in dessen Bewuchs und vor allem im Wald zu unterstützen und zu fördern. Insbesondere der Wald wirkt als ein ungeheurer Schwamm, der sich voll saugt und das Wasser allmählich wieder abgibt; er kann auf diese Weise beträchtliche Niederschlagsmengen unschädlich aufspeichern. Bei ganz kleinen Wasserläufen, deren größtmögliches Hochwasser durch einen sehr kurzen intensiven und räumlich begrenzten Platzregen verursacht wird, fließt allerdings der größte Teil des Niederschlags auch im Walde verhältnismäßig schnell ab. Schon bei etwas größerem Einzugsgebiet wirkt jedoch der Wald in wasserwirtschaftlicher Hinsicht außerordentlich wohltuend. Dazu kommt, dass durch eine zweckentsprechende Aufforstung die Hänge gegen Rutschungen gesichert und dadurch die besonders gefährlichen Aufstauungen in den Wildbächen hintangehalten werden. Die aufzuwendenden Kosten sind verhältnismäßig gering; die Förderung des Bodenbewuchses wird wohl in den seltensten Fällen den Bestrebungen des Natur- und Heimatschutzes entgegenstehen. Diese Maßnahme zur Herabminderung der Katastrophenhochwässer kann nicht nachhaltig genug empfohlen werden. Sie hat soweit die örtlichen Verhältnisse sie zulassen in Gebieten, in denen die Hochwassergefahr durch ausgedehnte Kahlflächen gesteigert ist, mit den sonst für zweckmäßig erkannten Abwehrmitteln Hand in Hand zu gehen. Derartige Aufforstungen usw. des Einzugsgebietes sind die Grundlage jedes vernünftigen Hochwasserschutzes an Mittelgebirgsflüssen. Sie sind meistens auch da von Vorteil, wo die Katastrophenbekämpfung in erster Linie durch Maßnahmen zum Schutze gegen die großen Anschwellungen erstrebt wird.
Die Maßnahmen zum
Schutz gegen Hochwasser bezwecken, die Überschwemmung wertvoller Kulturen,
von Verkehrswegen und menschlichen Siedlungen zu verhindern, sie besonders vor
schweren Beschädigungen zu bewahren und eine Gefährdung von Menschenleben
hintanzuhalten. Gemäß der eingangs geschilderten Entstehungsursache schwerer
Katastrophen muss das Bestreben in erster Linie dahin gehen, durch geeignete Flussverbauungen
den Wasserfluten einen ungehinderten und unschädlichen Abfluss zu sichern.
Wir haben oben gesehen, dass dies in den meisten Fällen auch trotz etwaigen
Einbaus von Talsperrenanlagen erforderlich wird. (Vgl. in dieser Hinsicht auch
die umfangreichen Flusskorrektionen in Schlesien.) In den Flussverbauungen
ist das wichtigste und in den meisten Fällen wirksamste Mittel zur
Katastrophenbekämpfung zu erblicken.
Vor allem ist
vorzubeugen, dass sich lokale Aufstauungen des Hochwassers, Verklausungen usw.
an engen oder scharf gekrümmten Flussstellen, Brücken, Wehren und sonstigen
Einbauten bilden können. Man darf nicht davor zurückschrecken, zu enge Brücken-
und Wehröffnungen zu erweitern, feste Wehre in bewegliche umzubauen,
gefährliche Anlagen ganz zu entfernen. (Vorsorglich muss natürlich der Einbau
von Häusern, von Lagerplätzen usw. in das gefährdete Gebiet unterbunden
werden.) Das Abflussprofil ist von allen Störungen zu befreien. Scharfe
Flusskrümmungen sind abzuflachen; Ufer und
wenn erforderlich Sohle des Flusses müssen an den gefährdeten Stellen
gesichert werden, damit schädlichen Sohleneintiefungen und Uferanbrüchen
vorgebeugt wird. Wo die Ufer zu niedrig sind oder die Sohle sich aufgehöht hat,
kann zwecks Ablenkung des Hochwasserspiegels eine künstliche örtliche
Sohlenvertiefung zum Ziele führen, die erreicht wird durch Baggerungen oder
Einschränkungsbauten. Zur Absenkung des Hochwasserspiegels kommen ferner lokale
Flussbettverbreiterungen in Betracht. Vielfach ist hierzu nicht einmal eine
fortlaufende Flusskorrektion oder eine durchgehende Bettverbreiterung
erforderlich; es können rein örtliche Maßnahmen genügen. Allerdings ist zu
prüfen, ob sie nicht en unterhalb folgenden Flussstrecken schädlich werden
(Auflandungen und dergleichen). Die zweckmäßigsten Maßnahmen, die hier nur kurz
angedeutet werden können, sind in jedem Falle der Natur, d.h. dem Flusse
selbst, abzusehen. Sie werden bei folgerichtiger Anwendung gemäß den
Erfahrungen des Flussbaus vollen Erfolg zeitigen. Sie erfordern verhältnismäßig
geringe Aufwendungen und stören bei vernünftiger Durchführung das
Landschaftsbild in den meisten Fällen nicht wesentlich. Zum Schutz gefährdeter
Ortschaften kann eine seitliche Ableitung sich als zweckmäßig erweisen,
dergestalt, dass beim Überschreiten eines gewissen Wasserstandes die
schädlichen Wassermengen selbsttätig über einen Überlauf stürzen und dann in
einer Flutmulde oder in engen Tälern durch einen kurzen Umgehungsstollen
unschädlich um die gefährdete Siedlung herumgeführt werden. Der
Hochwasserschutz durch Flussverbauung ist z.B. in Bayern mit Erfolg in den
Vordergrund gerückt. Sie bildet auch die Voraussetzungen für die Anordnung von Hochwasserdämmen.
Hochwasserdämme deichen das zu schützende Gebiet aus. Man kann hierzu Überlaufdämme wählen, die das Gelände nur vor den niedrigeren, ständig wiederkehrenden Hochwässern schützen. Treten Katastrophenhochwässer ein, so fließt eine entsprechende Wassermenge über. Das überströmende Wasser, der eigentliche Flutscheitel, bedeckt nun zwar das ausgedeichte Gebiet. Es kann an den Kulturen immer noch gewisse Schäden verursachen; diese stehen jedoch in keinem Verhältnis zu den bisherigen und können daher in vielen Fällen in Kauf genommen werden. Da ferner das übergelaufene Wasser seiner ursprünglichen Gewalt beraubt ist, kann es keine Katastrophen mehr herbeiführen. Überlaufdämme sind gerade in Mittelgebirgstälern, wo vielfach für Volldämme kein Platz ist und der Fluss wenigstens bei den häufigeren niedrigeren Hochwässern in seinem Bett zusammengefasst werden kann, oft mit Vorteil anzuwenden. Sie sind besonders dort am Platze, wo die häufigsten Sommerhochwässer niedriger sind als die Winterhochwässer und wesentliche Teile der Grundstücke nicht gerade hochwertig sind. Überlaufdämme sind nicht unwesentlich billiger als Volldämme und erfordern vor allem nicht wie diese ein ausgedehntes Vorland zur Abführung des größtmöglichen Hochwassers, entziehen also der ständigen Nutzung nicht so umfangreiche Flächen wie die Volldämme. Sie haben den Nachteil, dass das übergetretene Wasser nach Ablauf des Katastrophenhochwassers langsamer als vorher in das Bett zurückfließt. Auch ist in Tälern mit starkem Gefälle Vorkehrung zu treffen, dass sich hinter den Dämmen keine Rinnen ausbilden, die durch Fortschlemmen von Humus usw. nicht unerheblichen Schaden verursachen können.
Die Krone der Volldämme muss entsprechend
hoch über den größtmöglichen Hochwasserstand angeordnet werden. Damit das Hochwasser
zwischen den Dämmen nicht zu stark zusammengefasst und damit die Kraft des
Wassers auf ein für den Bestand von
Flusssohle und Ufer gefährliches Maß gesteigert wird, ist durchwegs zwischen
Uferlinie und Hochwasserdämmen ein hinreichend breites Vorland freizulassen.
Diese Forderung wird in engen Mittelgebirgstälern, wenn nicht sehr kostspielige
Sicherungsmaßnahmen in einzelnen Fällen in Kauf genommen werden können,
vielfach zum Verzicht auf Volldämme zwingen, die zudem scharfen Flusskrümmungen
nicht zu folgen vermögen und daher nicht unerhebliche Gebiete der ständigen
Überflutung preisgeben müssen. Für den lokalen Schutz von Ortschaften sind
Volldämme jedoch meistens nicht zu entbehren. Bei allen Hochwasserdämmen ist
zu untersuchen, ob durch sie nicht infolge der Ausschaltung größerer
Inundationsgebiete die Hochwasserverhältnisse flussabwärts wesentlich
verschlechtert werden, in derselben Weise wie es zum Beispiel durch
Entwässerung und Kultivierung von Mooren häufig genug eintritt. Auch
Hochwasserdammanlagen wirken im allgemeinen bei entsprechender Linienführung
wenig störend auf das Landschaftsbild.
Hand in Hand mit allen Vorbeugungs- und
Schutzmaßnahmen sollte in den gefährdeten Tälern ein
Hochwassernachrichtendienst gehen. Er bezweckt, die ankommenden Wellen
flussabwärts anzukündigen, so dass die Bevölkerung rechtzeitig Vorkehrungen
treffen kann. An den kurzen Mittelgebirgsflüssen wird allerdings wegen dem
raschen Anlaufen der Hochwasserwellen eine derartige Ankündigung kaum früh
genug eintreffen. Es wird also in manchen gefährdeten Tälern von dieser
Einrichtung nicht viel erwartet werden dürfen. An ihre Stelle kann dann der meteorologische
Hochwasserwarnungsdienst treten, der die hochwassergefährlichen Wetterlagen
anzeigt. Für die einzelnen Flüsse ist jedenfalls die Zweckmäßigkeit eines
entsprechenden Nachrichtendienstes zu prüfen.
Bei der außerordentlichen Mannigfaltigkeit
des Aufbaues und Ablaufes der Hochwässer können allgemein für jeden Fluss
anwendbare Vorbeugungs- und Schutzmaßnahmen selbstverständlich nicht angegeben
werden. Den besonderen örtlichen Verhältnissen muss in jedem Fall Rechnung
getragen werden. Vielfach kann man sich nicht auf eine der möglichen Maßnahmen
beschränken, sondern muss mehrere gleichzeitig anwenden. Zu warnen ist
eindringlich davor, in einer Zurückhaltung der schädlichen Wassermengen, z.B.
durch Talsperrenanlagen, ein überall anwendbares Allheilmittel zu sehen. Eine
Überschätzung der Wirkung von Talsperrenanlagen für eine Katastrophenbekämpfung
ist keinesfalls unbedenklich. Als die erfolgreichste und vielfach
wohlfeilste Maßnahme, die auch bei Talsperrenanlagen in den meisten Fällen
nicht entbehrt werden kann und daher stets in erster Linie angewendet werden
sollte, die ferner am wenigsten in die bestehenden Verhältnisse eingreift, hat
sich an Mittelgebirgsflüssen vorwiegend die Flussverbauung erwiesen, die den
Flutwellen einen ungehinderten und unschädlichen Abfluss sichert; dabei ist
erforderlich, die Natur zu beobachten, ihr nicht entgegenzuarbeiten, sondern
sie vielmehr weitgehend zu unterstützen. Festzustellen ist jedenfalls, dass die
Technik über Mittel verfügt, die nach menschlichem Ermessen schweren
Hochwasserkatastrophen vorzubeugen vermögen. Die Entscheidung über die
Zweckmäßigkeit der in jedem besonderen Fall geeigneten Maßnahmen setzt eine
sorgfältige Prüfung voraus, bei der man sich vor einseitiger Nachahmung der
vielleicht an anderen Gewässern unter ganz bestimmten Voraussetzungen bewährten
Vorkehrungen zu hüten hat.
TODO ML: Foto "In Liebstadt,
Verwüstungen des Seidewitzbaches, einem
Nebenarm der Gottleuba"
einscannen und einbinden.
TODO ML: Foto "Unbewaldete
Hochfläche mit Sattelberg (rechts),
links der Taleinschnitt in den Oelsengrund" einscannen und einbinden.
Erlebtes
von Georg Marschner, Dresden.
Mit seinem Oberlaufe durchfließt der
Gottleubabach, von der Landesgrenze bis zur Stadt Gottleuba, den ob seiner
Blütenpracht und seltenen Pflanzen allen Pflanzenfreunden und Botanikern
wohlbekannten Oelsengrund. In ihm liegt nahe der Landesgrenze das nur wenige
Gehöfte und einige Mühlen zählende Dörflein gleichen Namens.
Über diesen stillen Weiler spannte sich am
8. Juli 1927 blauer Himmel, und Sonnenschein erfüllte das blühende,
waldumrauschte Tal. Die Heuernte hatte begonnen. Viele fleißige Hände regten
sich, den seltenen Sonnentag zum Bergen des reichen Erntesegens zu nützen.
Da ballten sich gegen einviertel vier Uhr
nachmittags wieder dunkle Wolkenmassen am Horizonte zusammen. Schneller läuft
die Erntearbeit, und nur zu bald steigern fernes Donnergrollen und vereinzelt
fallende Regentropfen ihren Rhythmus zu jener Hast, die denn immer mit
Peitschenknallen und rasselnden Wagen Vorspiel und Einleitung von Gewitterentladungen
ist.
Klatschender Regen lässt bald das kurze
Vorspiel verstummen, und mit zuckenden Blitzen und dröhnenden Donnerschlägen
setzt jene gewaltige Sinfonie entfesselter Naturgewalten ein, deren
erschütternder Eindruck vom Gleichklang zur Erde stürzender Wassermassen erhöht
und verstärkt wird. Immer erneut zucken grelle Blitze, und duckend erwartet der
machtlos lauschende Mensch den folgenden schmetternden Donnerschlag. Das Auge
vermag die sprühend graue Wand herniederströmender Wassermassen nicht mehr zu
durchdringen und in einzelne Elemente aufzulösen. Das Ohr wird gemartert von
den furchtbaren Lauten, die, sich überstürzend und durchdringend, das Tal
erfüllen.
Endlose drei Stunden währt dieses
entsetzliche Toben fesselloser Naturkräfte. Jedes Rinnsal wurde längst zum
reißenden Strome. Der sonst so friedsame Gottleubabach stürzt als wilde Flut,
die weiten Wiesenauen des Oelsengrundes mit schlammigen Wassermassen füllend,
schäumend und wühlend zu Tale.
Wassernot wer könnte diesen
Schreckensruf talwärts tragen, zu den einzelnen Mühlen, zu den unten im Tal
liegenden Siedlungen. Niemand wagt und niemand vermag sich auszudenken, wie die
ungeheuren, rasenden Wasserfluten durch das dichtbesiedelte untere Gottleubatal
kommen sollen.
Wassernot der Fernsprecher bleibt stumm.
Die Fernsprechleitung nach der etwa sechs Kilometer weiter unten im Tal
liegenden Stadt Gottleuba führt nicht im Tal abwärts, sondern geht über
Lauenstein und das Müglitztal. Seit Stunden versagt sie den Dienst, sie ist
wohl längst zerstört. Auf Augenblicke noch hängt der Blick hoffnungsvoll an der
das Tal in gefahrloser Höhe überspannenden Antenne, die den Rundfunk, den
erdumspannenden, so oft hier Kunde geben ließ von Geschehnissen aus aller Welt
dann versinkt die bange Sorge für die Menschen da unten im Tale in dem
furchtbaren Geschehen ringsum.
Gegen sieben Uhr abends lassen Regen und
Donnergrollen nach. Aufatmend finden sich die wenigen Bewohner des Dorfes am
Rande der in rasender Eile zu Tal stürzenden Wasserfluten zusammen. Schaudern
und Bewundern ringen in der Menschenbrust um die Oberhand angesichts des
tosenden und wühlenden Stromes, der auf selbstgesuchter Bahn, über Wege und
Brücken, über Felder und Wiesen, durch Höfe und Häuser donnernd und brausend
dahinjagt. Die Baumreihen von Eschen und Erlen, die dem bescheidenen Bächlein
sonst das Geleite gaben, sind längst ihres Amtes als Wegweiser enthoben.
Gewaltsam und gebieterisch haben die an Urweltstage gemahnenden Wasserfluten
ihr von ehernen Naturgesetzen vorgezeichnetes jahrtausendaltes Bett wieder in
Besitz genommen. Die Fesseln sind gesprengt,
die kultivierende Menschenhand dieser freien Tochter der Natur seit
langem angelegt hat.
In den dampfenden, grauen Schleier über
dem rauschenden und brausenden Tale senkt sich die Nacht. Die Fluten gehen ein
wenig zurück.
Noch immer erfüllt von Unruhe geht einer
nach dem andern in seine schützende Behausung. Lichter flammen auf. Bald jedoch
ein leises Flackern, noch ein kurzer Schein, und dann tiefe Finsternis. Die
Lichtleitung ist zerstört.
Ins Rauschen und Brausen mischt sich
wieder Donnergrollen, und Blitze erhellen abermals in immer kürzeren Pausen das
fließende Tal. Der Regen setzt wieder ein, steigert sich immer mehr, und das
Unsagbare, das Unbeschreibliche ist nicht mehr aufzuhalten.
Wasserfluten stürzen vom Himmel, Blitze
zucken, Donnerschläge dröhnen. Das rauschende Tal brüllt, ins Brausen mischt
sich poltern, es hämmert, es schlägt, es kracht. Niemand kann sagen, wo.
Überall. Vor den Fenstern, im Hofe, auf den Dächern, im Tale. Unbekannte Töne,
nie gehörte Laute schmettern durchs Ohr in die Menschenseele. Das Auge taucht
in finstre Nacht, und nur das Ohr vermittelt den Zusammenhang mit der von
erschütternden Schauertönen erfüllten Außenwelt. Klein, ohnmächtig, hilflos
lauscht der Mensch dieser urgewaltigen Sprache der Natur. Jetzt wollte manches
Herze zagen, manches Auge füllten Tränen.
Das Toben der entfesselten Elemente
erreichte gegen einhalb elf Uhr seinen Höhepunkt. Verstummte und im nächsten
Augenblicke durchschauerte ein ungeheures, gleichtönendes Rauschen und Brausen
das in schwarze Nacht gehüllte Tal.
Das unsagbar große, von Urweltschauern
durchzitterte nächtliche Drama war hier bei uns im Oelsengrunde zu Ende. Die
Wasserlawine wälzte sich im Tale abwärts.
Und mit dem Gleichklange des machtvollen
Rauschens und Brausens begann das Nachspiel dieser katastrophalen Talumbildung.
Dem ungeheuren Drucke der anstürmenden
Wasserfluten, dem Rammen und Stoßen entwurzelter Bäume, mitgerissener Stämme
und Balken waren alle Hindernisse gewichen. Wenige Schritte vom schützenden
Gehöft hatten Straßendamm, Brücke und Gartenmauer die Wassermassen gestaut.
Anschwimmende Bäume und Sträucher, Bretter und Balken, Teile zerstörter Häuser,
Hausrat, Heu und Gras erhöhten und verdichteten diesen Staudamm, der dann im
Höhepunkte der Flut zerbrach und samt Straßendamm, Brücke und Gartenmauer mit
den angestauten Wassermassen gleich einer furchtbaren Lawine alles vernichtend
und zerstörend talwärts riss.
Hier mag die ungeheure Wasserwelle, die
kaum tausend Meter talwärts bei der Paustmühle und dann immer wieder aus
gleichen und ähnlichen Ursachen sich vervielfachend und wachsend, in ihren
letzten, unfassbar großen Auswirkungen die Stadt Berggießhübel in einen
Trümmerhaufen verwandelte und so viele Menschenleben vernichtete, ihren Ausgang
genommen haben.
Die Schreckensnacht ging zu Ende. Es kam
der Morgen und mit ihm das Furchtbarste.
Nur zögernd lüftet die ruhig und erhaben
am blauen Himmelsdom aufsteigende Sonne den grauen Schleier aus Wasserdampf und
Nebel. In grausamer Unerbittlichkeit enthüllt der junge Tag dem entsetzten Auge
Bilder dämonischer Zerstörung. Zagend irrt der Blick im zertrümmerten Tale, nur
widerstrebend vermag Menschengeist das entsetzliche Vernichtungswerk zu fassen.
Ein neues Blatt im Buche der Natur liegt
aufgeschlagen vor uns. Voll Entsetzen der Inhalt. Was Menschenfleiß und
Menschengeist geschaffen in Jahrhunderten, zerstörten rohe Erdenkräfte in
wenigen Stunden. Hilflos steht der Mensch auf seiner geschändeten Scholle
schaudernd sieht er seine Werke und bewundernd untergehn.
Verschwunden sind Wege und Brücken, Mühlen
und Häuser zerstört, Bäume und Sträucher abgetrieben. Das Bachbett ist
zugeschüttet. In den fruchtbaren Wiesenauen gähnen tiefe Löcher und gurgelnde
Schluchten. Dazwischen trostlose Trümmerflächen von Steingeröll und
riesenhaften Felsblöcken. Haushohe Haufen entwurzelter Bäume, untermischt mit
Resten menschlicher Wohnstätten, mit Stämmen, Brettern und Balken, mit Hausrat
und Geräten, alles verfilzt und verkittet mit angeschwommenem Heu. Hier auf
grüner Insel, inmitten der tosenden Flut ein Pferd, dort eine Kuh. Angehörige
werden gesucht. Verstörte Menschen klettern durch das Wirrsal der
Trümmerstätte. Ein kurzer Blick, ein Händedruck, und mit zusammengepressten
Lippen geht es weiter, irrend, suchend talauf, talab. Und durch dieses Chaos
von Trümmern rauscht im neuen Bett das zum Strom gewordene Bächlein, im
hindernisbefreiten Laufe dahin.
Still steht der Lauf täglicher Arbeit. Das
furchtbare nächtliche Erlebnis lähmt die sonst so fleißigen Hände und lastet
mit dumpfem Drucke auf jeder Seele.
Abgeschlossen von der Außenwelt, ohne
Straßen, ohne Brücken, ohne Licht, ohne Fernsprecher, die meisten auch ohne
Trinkwasser, liegt das Dörflein inmitten des in Trümmer gesunkenen Tales.
Beherzte dringen aufwärts im Tale und
abwärts. Erschütternd ist das Gesehene und Gehörte, erschreckend die Kunde der
ersten Entdecker unserer Not. Am zweiten Tage kommt die Zeitung und
unterrichtet uns vom Umfange der Katastrophe. Das preist wohl mancher das
Schicksal, das ihn und seine Lieben vor kaltem Wassertod bewahrte, und mit
innigem Mitgefühl und Dank im Herzen geben die Bewohner den beiden Todesopfern
aus ihrer Mitte das letzte Geleite.
Bange Tage zagender Hilflosigkeit und
vergeblichen Ausschauens nach Hilfe vergehen.
Täglich überfliegt in unerreichbarer
blauer Ferne ein Flugzeug unseren abgelegenen Winkel mit seiner der
Öffentlichkeit nach Tagen noch unbekannten Not.
Was bedeutets, dass einzelne Menschen
durch die Lüfte sich tragen lassen und Flugzeuge und Luftschiffe die Ozeane und
die leeren Eisregionen der Pole stürmen,
wenn diese grandiose Erfindung nicht die Aufgabe hat, Kunde zu holen und
Hilfe zu bringen, wo Menschen in Gefahr sind.
Was bedeutets, dass uns im entlegenen
Gebirgstal der Rundfunk römische Musik, Pariser Operetten und das
Glockengeläute von Brüssel hören ließ, wenn seine Zauberwellen es nicht
vermögen, Warnungs- und Hilferufe dahin zu tragen, wo Menschenleben in Gefahr
und Volk in Not ist.
Was gelten die Wunderwerke städtischer
Fernsprechzentralen dort, wo Hunderttausende Menschen beieinander wohnen,
wenn besiedelten Erzgebirgstälern mit reißenden und wilden Bergbächen heute
noch die sichere Sprechleitung talabwärts fehlt, an der ein einziger Mann zu
Zeiten kostbare Menschenleben vor Verderben bewahren könnte.
Seit Jahren rief man nach einer Talsperre.
Dachte niemand daran, einen sicheren Wassermeldedienst im Tale einzurichten,
zum Heile der dort wohnenden Menschen?
Zu spät ist es. Wenn aber denkender
Menschengeist sich nun erst recht müht, seine Errungenschaften mehr als bisher
in den Dienst der Nächstenhilfe zu stellen, dann werden die furchtbaren Lehren
dieser Wasserkatastrophe nicht umsonst gewesen sein.
Endlich nach vier langen Tagen kommt die
so sehnlich erwartete Hilfe auch ins obere Gottleubatal. Mit dem Eintreffen der
wackeren zwanzig Mann Landespolizei aus Riesa am Abend des 12. Juli schwindet
das hilflose Zagen vor der Größe des Unglücks. Der Bann ist gebrochen, der hemmend
und lähmend auf allen gelegen. Noch am Abend setzt beherztes Schaffen ein.
Stege werden gebaut und die schlimmsten Hemmnisse geräumt. Immer neue Scharen
von Helfern strömen ins Tal. Verkehrshindernisse werden beseitigt, Notbrücken
gezimmert und Straßen aufgeschüttet. Frohes Hoffen beseelt alle.
Aber nur zu bald verebbt das mit
bewundernswerter Größe einsetzende Hilfswerk und bricht unerwartet ab.
Nun ist es wieder still im Tale. Seit
Monaten schon rührt sich keine Hand zu aufbauender, schadenheilender Arbeit
hier im Oelsengrund. Kostbare Zeit ist verstrichen, und nur zu bald wird Schnee
und Eis das verwüstete Tal mitleidsvoll verdecken.
Fast könnte man glauben, dass das so
verheißungsvolle Hilfswerk an seiner eigenen Größe ins Stocken kam. Und mich
will dünken, dass in dem so viel bedauerten Schönwald, jenseits der
Landesgrenze, das anfänglich zögernd einsetzende Hilfswerk doch noch einen
erfolgreichen Fortgang genommen hat. Dort nützte die erstarkte Hilfe die
günstige Zeit der Herbstmonate zum endgültigen Aufbau des Zerstörten.
Mit Sorgen sehen die vom Hochwasser so
schwer heimgesuchten Bewohner vom Oelsengrund und dem noch weiter oben im Tale
liegenden Ortsteile Klein-Liebenau dem hier oft fünf oder sechs Monate
dauernden Winter entgegen. Bei aller dankbaren Anerkennung der geleisteten
Hilfe ist doch dringenden Lebensnotwendigkeiten nicht Genüge geleistet.
Der Lebensfaden der Orte, die Talstraße
nach der Stadt Gottleuba, liegt noch in Trümmern, kein lebenswichtiger
Mühlenbetrieb wurde in Gang gebracht. Im November ist die Herstellung eines
schmalen Fahrweges durch den Oelsengrund in Angriff genommen worden. Wohl führt
ein steiler Fahrweg über die Oelsener Höhe und das Dorf Oelsen nach der Stadt
Gottleuba, aber gleich nach den ersten Schneefällen ist er verweht und vereist.
Er wird dann unfahrbar für lange Zeit. Wie aber sollen die Bewohner dahinten im
Tale ihre Lebensbedürfnisse decken, wie sollen sie ihre kargen Erzeugnisse, ihr
Getreide, ihre Kartoffeln, ihr Vieh zu Markte bringen? Wie soll ärztliche Hilfe
hier hinter die verschneiten Berge kommen?
Zwei Besitzer von Mühlen bauen jetzt mit
eigenen Arbeitskräften die zerstörten Wehre, Mühlgräben und Mahlgänge auf, und
es ist recht zu wünschen, dass nicht ein früher Winter die Arbeiten unterbricht
und damit die Lage der so Hartbetroffenen noch mehr verschärft.
Unvergesslich groß war das Erleben in der
Schreckensnacht vom 8. Juli 1927. Ich sah und ich hörte, wie eine Stätte in
Trümmer sank, die mir so vieles gab, die mir leib und teuer war seit langen
Jahren. Ich hörte die allmächtige Natur in ihrem Zorne, ich sah ihr
schreckliches Werk.
Fast müßig erscheint der Streit um die
Ursachen der Katastrophe und die Mittel zu ihrer Verhütung.
Ein anderes Tal, ein neuer Wasserlauf
wurde in der Nacht des 8. Juli 1927 unter erschütternden Wehen geboren. Die von
den Fluten gegrabene Wasserrinne ist der Rohbau des künftigen Flusslaufes, der
ausgehoben und verbessert, niemals aber wieder eingeengt und verdämmt werden
darf.
So lange die Zuflussgebiete auf den Höhen
des Erzgebirges ohne Wald sind, bleibt die Abflussregelung der dort
niedergehenden Wassermassen das einfachste und sicherste Mittel, ähnlichen
Auswirkungen vorzubeugen. Denn nicht der Abfluss der großen Wassermengen an
sich hätte die ungeheuren Schäden verursacht, sondern das ruckartige Abstürzen
der Fluten, infolge ganz ungenügenden Abflussraumes, hat das beispiellose
Zerstörungswerk vollbracht. Noch heute lassen sich im Gottleubatale die Stellen
nachweisen, wo sich diese Staudämme bildeten, die dann zerbrechend die
Katastrophe talwärts sandten. Überall aber sind es Gebilde von Menschenhand,
denen diese verhängnisvollen Talverstopfungen und ihre grauenhaften Folgen
zugeschrieben werden müssen.